Originaltitel: EL CUSTODIO,

Argentinien 2006, 95 min
Verleih: Real Fiction

Genre: Drama

Darsteller: Julio Chávez, Osmar Núnez, Marcelo D’Andrea

Stab:
Regie: Rodrigo Moreno
Drehbuch: Rodrigo Moreno

Kinostart: 15.11.07

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El Custodio – Der Leibwächter

Eindrucksvolle Betrachtung eines Schattenmanns

Den Beruf des Leibwächters umwehte bisher im Kino wohl eher eine Aura des Aufregenden. Beschützten die harten Kerls einen Guten, waren sie nicht selten die Helden der Geschichten um sie (siehe IN THE LINE OF FIRE oder BODY-GUARD), stellten sie sich vor die Bösewichter, waren sie die letzte Herausforderung der Hauptfigur vor der Exekution des Oberschurken (siehe die Leibwächter fast aller James Bond-Gegner). Der argentinische Regisseur Rodrigo Moreno nähert sich in seinem Porträt eines Exemplars dieser Berufsgruppe mit ungewohnt realistischer und damit undramatischer Perspektive. Und schnell begreift man, daß das Leben eines Bodyguards vor allem aus einem besteht: Warten.

Rubén ist Berufsbeschützer des argentinischen Ministers für Planung. Beinahe unsichtbar für seine Umwelt begleitet er seinen Boß zu Kabinettssitzungen, TV-Auftritten und Geschäftsessen. Aber auch das Privatleben des Ministers bleibt dem Schattenmann nicht verborgen, von der Affäre seines Chefs bis zu den ersten sexuellen Erfahrungen von dessen Tochter, Rubéns weiß unwillentlich Bescheid. Sein eigenes Privatleben reduziert sich auf Besuche bei seiner psychisch kranken Schwester und das Ausleben seiner Leidenschaft: dem Zeichnen. Es gibt wahrlich wenige Momente, in denen man dieser Figur in die Seele blicken darf. Es dominiert bis knapp vor Schluß die Routine des Profis. Umso brachialer erscheint die Wendung, beginnend mit einer Begegnung, die Rubén mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

Die Kamera folgt dem stillen Verteidigungsexperten als wäre sie Rubéns Wächter. In langen, kühlen Einstellungen wird eine Ruhe etabliert, deren Zerbrechlichkeit stets spürbar ist. Der Kontrast zwischen der Gelassenheit des Ministers, der für seinen Beraterstab immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat, und der ständigen Erwartung des Schlimmsten, die Rubéns so bewundernswert ruhig auf seinen Schultern trägt, erzeugt einen unterschwelligen Konflikt, der stetig subtile Spannung erzeugt. Als die äußerliche Passivität des Bodyguards endlich aufgebrochen wird, erscheint der kettensprengende Akt genauso schockierend wie unausweichlich und trifft gleichermaßen ins Schwarze wie diese atmosphärisch unheimlich dichte Charakterstudie in ihrer Gesamtheit.

[ Paul Salisbury ] Paul mag vor allem Filme, die von einem Genre ausgehen und bei etwas Neuem ankommen. Dabei steht er vor allem auf Gangsterfilme, Western, Satire und Thriller, gern aus der Hand von Billy Wilder, Sam Peckinpah, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, den Coen-Brüdern oder Paul Thomas Anderson. Zu Pauls All-Time-Favs gehören DIE GLORREICHEN SIEBEN, TAXI DRIVER, ASPHALT COWBOY, SUNSET BOULEVARD, POINT BLANK ...

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