Originaltitel: EL OLIVO

Spanien/D 2016, 98 min
FSK 6
Verleih: Piffl

Genre: Märchen, Tragikomödie

Darsteller: Anna Castillo, Javier Gutiérrez, Pep Ambròs, Manuel Cucala

Regie: Icíar Bollaín

Kinostart: 25.08.16

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El Olivo – Der Olivenbaum

Von verkauften Wurzeln

Alma liebt Großvater. Großvater liebt sie. Beide lieben ihren Olivenbaum, ein Familienerbstück, das ganzen Generationen von Enkelkindern zum Klettern diente und allerhand Opas Schatten spendete, wenn die Mittagssonne über dem Bajo Maestrazgo brannte. Daß Vater und Onkel den Baum einst verkauften, um in den „Boom-Jahren“ der spanischen Wirtschaft mithalten zu können, wird ihnen Alma nie verzeihen. Auch jetzt, mit Anfang 20, ist sie wandelnder Vorwurf mit Punkfrisur, unversöhnlich – und zu allem entschlossen. Denn Großvater Ramón, nunmehr ein aufwendig zu betreuender Wandergreis, geht die Lebenszeit aus. Der Baum muß wieder her, auch wenn der inzwischen in der Vorhalle eines Düsseldorfer Energiekonzerns angewachsen ist. Alma kommt, ihn zu holen. Und wenn sie sagt, sie kommt, kommt sie prompt …

Icíar Bollaín avancierte mit ihren Regiearbeiten zum prominenten Gesicht des sozialkritischen spanischen Kinos. Hier, erneut nach dem Drehbuch ihres Lebensgefährten, inszeniert sie eine tragikomische, der Heimaterde physisch wie symbolisch verhaftete Familien- und Reisegeschichte, die der emotionalen Identifikation wie gehabt den Vorzug gibt – vor Extrawürsten für Liebhaber ab- oder umwegiger filmästhetischer Konzepte. Nein, EL OLIVO ist geradeheraus, direkt, um nicht zu sagen: direkt auf die Zwölf. Und Alma, die sich dabei als unzähmbarer Sonderfall ihren Weg durch die wirtschaftlich abgehängte spanische Provinz freiflucht, ist der Motor: stotternd aus Wut über die Verhältnisse, sich die Haare ausreißend, wenn einem die Wurzeln genommen werden.

Bollaín, welche Lieblichkeit man auch immer ihr vorwerfen möchte, ist ehrlich, nicht zynisch. So mag man ihr vergeben, daß ihre Symbolsprache – vom Baum und seinen Wurzeln, von aufgelesenen Freiheitsstatuen und durchgelesenen Analysen zu den Krisen der EU, vom nimmersatten Deutschland und seiner austeritätspolitischen Selbstgefälligkeit – manchmal am Rande der Stammtischdeutlichkeit operiert. Es ist halt im Grunde ein Märchen, wie Bollaín unumwunden zugibt. Und es atmet die Wirklichkeit von semiindustrieller Landwirtschaft, von pestizidverseuchter Landluft, unromantischen LKW-Abgasen und der ungebremsten Naivität des Voranschreitens. Wobei nicht verschwiegen werden soll, daß Bollaín wohl ihren Figuren, aber nicht ihrem Publikum zumutet, moralisch wirklich die Füße heben zu müssen.

[ Sylvia Görke ]

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