Originaltitel: GRBAVICA

Österreich/Bosnien-Herzegowina/D/ Kroatien 2005, 90 min
Verleih: Ventura

Genre: Drama

Darsteller: Mirjana Karanovic, Luna Mijovic

Stab:
Regie: Jasmila Zbanic
Drehbuch: Jasmila Zbanic

Kinostart: 06.07.06

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Esmas Geheimnis – Grbavica

Die anderen Wunden eines Krieges

Sarajevos Stunde Null ist noch nicht lange genug her, als daß man einfach so weiterzählen könnte. Nach dem Krieg gehen die Uhren anders, wie die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic in ihrem Erstlingsfilm zeigt. Und sie vermittelt ein Gefühl dafür, wie unstet diese Stadt unter dem zähen Gewicht von Massengräbern und angetrieben von der Hoffnung auf die "neue Zeit" ticken muß.

Wie Zbanic lebt auch ihre Hauptfigur im Stadtteil Grbavica. Ein vom Pragmatismus bestimmter Nachkriegsmikrokosmos, dem man die Wunden nicht mehr auf den ersten Blick ansieht. Geld verdienen ist jetzt die Hauptsache, zumal, wenn man wie die rundliche Esma allein für einen Teenager sorgt, dem eine Klassenfahrt finanziert werden will. Zu Näharbeiten am Tage kommt ein Kellnerjob bei Nacht. Dabei wäre alles so kostengünstig, so einfach, wenn Esma in der Schule doch nur endlich den Nachweis vorlegen würde, daß Saras Vater als Kriegsheld fiel. Das zumindest ist, was das trotzige Mädchen, dem der Starrsinn in schwarzen Strubbelhaaren aus dem Kopf wächst, von seinem Erzeuger weiß.

Saras erste, rotzige Liebe zu einer anderen Kriegshalbwaise spielt hier eine wichtige Rolle. Die wichtigste aber fällt der Mutter, der Trümmerfrau für seelischen Schutt zu. Weil sie nicht reden will - nicht in der hilflosen Selbsthilfegruppe und nicht beim hilflosen Verehrer Pelda, dem Bodyguard aus dem Nachtklub - wird Esmas Körper ins Verhör genommen. Er gerät in Panik, als ihm eine behaarte Männerbrust mit Goldkettchen im Bus zu nahe kommt. Er krümmt sich unter einem neckischen, ungestümen Kampf mit der Tochter, die sich auf sie setzt und ihre Arme auf den Boden drückt. Und er erzählt eine eigene Geschichte: vom Krieg der Männer, der Väter, der Tiere.

Zbanics realistische Bildsprache ist nicht verbissen, sondern genau, vor allem emotional genau. Und sie ist die ästhetisch angemessene Form für einen gnadenlosen "zweiten Blick" unter die Oberfläche einer sich einstellenden Normalität. Unprätentiös, schnörkellos, visuell wie dramaturgisch präzise legt sie ihre Finger auf die Kriegswunden, die wohl am schwersten heilen. Daß dieser Film dabei so unauffällig, so bescheiden hinter seinem Thema verschwinden will, ist das eigentlich Spektakuläre, das Ungewöhnliche daran. Und allemal Grund genug für einen Goldenen Bären.

[ Sylvia Görke ]

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