Originaltitel: HOSTILES

USA 2017, 134 min
FSK 16
Verleih: Universum

Genre: Western

Darsteller: Christian Bale, Rosamunde Pike, Wes Studi, Ben Foster

Regie: Scott Cooper

Kinostart: 31.05.18

16 Bewertungen

Feinde – Hostiles

Atemstockender Western – grandios fotografiert und vollgesogen mit der Kraft des Epischen

Es gibt, so Clint Eastwood, „nur zwei wirklich echte amerikanische Kunstformen: Jazz und Westernfilme.“ Natürlich hat der Mann, der ein großer Jazzkenner und noch größerer Westernregisseur ist, völlig recht. Daß dabei nun für die eine wie auch für die andere dieser Kunstformen die großen Zeiten längst vorbei sind (oder vorbei scheinen), spricht mitnichten gegen diese Kunstformen.

Und das nicht nur, weil sie sich erstaunlich resistent und wunderbar lässig außerdem in ihrer Existenz zu behaupten wußten, sondern auch, um den Blick hiermit aufs Kino zu fokussieren, weil unter den Western, die in den letzten Jahren produziert wurden, bezeichnend wenig Mißratenes, dafür aber eine ebenso bezeichnende Dichte an Meisterlichem zu finden ist. Das gilt für manche Streifen, die nur auf DVD erschienen oder für einen der einschlägigen Streaming-Dienste hergestellt wurden, und das gilt erst recht für jene Arbeiten, die dort landeten, wo sie hingehören: auf die Kinoleinwand nämlich.

Gottlob findet sich da jetzt auch Scott Coopers FEINDE – HOSTILES. Ein Film, ein Western, grandios fotografiert und vollgesogen mit der Kraft des Epischen. Wohltuend fern des Zeitgeistes, weil zeitlos in seiner stilistischen Souveränität und erzählerischen Ruhe und ob einer Handlung, die einen abwechselnd tief durchatmen und einem im nächsten Moment den Atem stocken läßt.

Schon in den ersten Filmminuten kann man das exemplarisch erleben. Das Lied von Mord und Totschlag singen die. Eine einsame Farm. Ein Mann, seine Frau, drei Kinder. Momente familiären Friedens. Dann die Gewalt, die hereinbricht. Irgendwie erwartet und doch erschreckend. Marodierende Komantschen überfallen die Farm, und ob dem, was dabei geschieht, ebnet sich auch ein Zugang zu jener Figur, die nach dieser Exposition in den Fokus der Geschichte tritt.

Denn von Mord und Totschlag kann auch Army-Captain Joseph Blocker, altgedienter „Kriegsheld“, einiges erzählen. Zu viel davon hat der gesehen. Zu viel auch selbst davon getan. Verhärtet ist der Mann, ein Gefangener seiner Geschichte. Und wenig erbaut, als er den Befehl bekommt, einen seiner einstigen Todfeinde, den sterbenskranken Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk, samt Familie auf einer langen und gefährlichen Reise zu eskortieren. Von Fort Berringer in New Mexico, wo Yellow Hawk seit sieben Jahren inhaftiert ist, führt die ins Cheyenne-Stammland. Ins Tal der Bären, nach Montana. Auf daß der dem Tod geweihte Krieger auf der ihm heiligen Erde seiner Ahnen den ewigen Frieden finde.

Frieden finden: Im Jahr 1892 spielt diese Geschichte. Die großen Schlachten der Indianerkriege sind geschlagen. Der Krieg aber noch lange nicht vorbei. Wie ein Frostschatten liegt die Gewalt auf dem Land und in den Seelen der Menschen. Und was das bedeutet, für das Land und die Menschen, davon erzählt Cooper in seinem Film. Ein Zitat von D.H. Lawrence ist dem vorangestellt: „Die amerikanische Seele ist in ihrer Essenz hart, isoliert, stoisch und mörderisch“, ist da zu lesen. Und: „Sie ist bisher noch niemals aufgetaut.“ Doch „auftauen“ muß sie, will sie denn Frieden. Nur, wie soll das gehen? Etwa in Anbetracht des dem Wahnsinn nahen Schmerzes dieser Rosalie. Jener Frau, die Blocker und seine Reisegruppe bald finden. Als einzige Überlende inmitten ihrer massakrierten Familie, auf ihrer niedergebrannten Farm.

Dramaturgisch ist das der emotionale Knack, oder besser, Erschütterungspunkt des Films. Er greift dessen Eröffnung auf und läßt unmittelbar Szenen folgen, die einem das Herz abschnüren. Auch, weil das, was Rosamunde Pike hier bietet, große Schauspielkunst ist; eine, die einem erst den Atem stocken und dann durchatmen läßt.

Ist doch das Erschütternde vielleicht weniger der Schmerz, sondern die Stärke, mit dem diese Rosalie mit diesem Schmerz umgeht: „Manchmal neide ich dem Tod seine Endgültigkeit, seine Gewißheit“, sagt sie einmal. Und wird sich doch zum Leben bekennen. Mehr als die Gefahren und Kämpfe dieser Reise öffnet das Blocker. Auch für Yellow Hawk. Der einstige Feind wird nicht nur zum Kampfgefährten aus Notwendigkeit, sondern zum Seelenspiegel. Es ist ein „Auftauen“, die Ahnung einer Erlösung, auch trotz der Gewalt, die, hart, stoisch, mörderisch, freilich weiterhin kein Ende nimmt.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

Lesezeichen:

2 Meinungen zur Rezension oder zum Film

[ 16.07.18, 20:13:15 – michael eckhardt ]
recht so! allerdings, finde ich, muß dem kleinen quentin ohnehin ständig der mund offen stehen, beim bestaunen all der originale, die er seit jahren in krampfhafter regelmäßigkeit zu kopieren versucht :)
micha vom PLAYER

[ 16.07.18, 19:05:47 – Waterloo ]
Dieses Stück Westen ist ein moderner Kracher, angesichts dessen selbst Clint und Quentin der Mund offen gestanden haben muss. Kraftvoll, wuchtig, ernsthaft, mit langem Nachhall. Unübertroffen der linkische Aufbruch des Helden in die bürgerliche Welt am Schluss. Must see.




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