Originaltitel: FRANCOFONIA

F/D/NL 2015, 87 min
FSK 12
Verleih: Piffl

Genre: Experimentalfilm, Poesie

Darsteller: Louis-Do De Lencquesaing, Benjamin Utzerath, Vincent Nemeth

Regie: Alexander Sokurow

Kinostart: 03.03.16

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Francofonia

Stürmische Bilder

So schleichend, wie aus dem Fernsehen fast jeder philosophische Ansatz im Diskurs verschwunden ist und dem bloßen Reflex Platz gemacht hat, kam dem Kino das Essayistische abhanden. Es ging hierbei eh nie um Fülle, sondern ums Überhaupt. Doch es gibt noch Alexander Sokurow! Und gottlob, man gibt dem Russen noch Geld und bringt seine Werke mutig ins Kino, überläßt sie nicht als „Festivalhappen“ einem elitären, satten Zirkel.

Sokurows lange Filmographie seit Ende der 70er besteht zu fast gleichen Teilen aus Spiel- und Dokumentarfilmen. Hier wie dort geht es ihm um die Mixtur handwerklicher Möglichkeiten. RUSSIAN ARK zum Beispiel wurde mit nur einer Einstellung in der Leningrader Eremitage gedreht, andere oft freie zeitgeschichtliche Reflexionen heißen bei Sokurow gern ELEGIE oder SONATE. Diesbezüglich ist FRANCOFONIA nun der Gipfel. Der Abspann kommt am Beginn, Kriegsflugzeuge dröhnen im Museum, gleitend gehen Wochenschaubilder in Nachstellungen über, Napoleon wird lebendig, die Pariser Innenstadt komplett mit Wald und Wiesen überblendet, es geht raus aufs tobende Meer, Poesie und Fakt verschränken sich, irrwitzige Brücken zwischen Europas Jahrhunderten werden gebaut und lustvoll wieder abgerissen – Alexander Sokurow erweist sich als mutiger Interpret und präziser Dirigent seines eigenen Orchesters. Und macht staunen. Dabei dreht sich bei ihm alles um den Wert der Kunst für die menschliche Entwicklung. Wo er dabei „losfliegt“ und landet, ist pures Abenteuer.

„Die Ziele eines Staates und der Kunst stimmen selten überein“, heißt es in FRANCOFONIA, der seine Säulen in die deutsche Besatzung von Paris zur Nazizeit setzt. Graf Wolff-Metternich trifft mit aller Wehr-Macht auf Jacques Jaujard, den Direktor des Louvre. Auf zwei unterschiedlichen Seiten stehend, wollen beide Männern im Grunde dasselbe: den Schutz einzigartiger Kunstgüter. Eher nüchterne Spielszenen mit ihnen machen immer wieder den Weg frei für abstraktes Ausufern des Regisseurs, dem man aus lauter Böswilligkeit eine gewisse Haltlosigkeit unterstellen könnte. Schließlich inszeniert er sich sogar selbst. Könnte nur sein, man würde dabei beim eigenen verkümmerten Vermögen ertappt, sich auf Verrücktes einlassen zu können.

FRANCOFONIA öffnet weitläufige Denkräume und solche entriegelter Sinnlichkeit. Mit nur einem Besuch sind sie gar nicht zu erfassen. Wie gute Museen.

[ Andreas Körner ]

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