D 2019, 129 min
FSK 16
Verleih: Telepool

Genre: Thriller

Darsteller: Felix Kramer, Trystan Pütter, Nora von Waldstätten

Regie: Christian Alvart

Kinostart: 09.01.20

9 Bewertungen

Freies Land

Keine blühenden Landschaften

LA ISLA MÍNIMA heißt ein exzellenter spanischer Thriller, der 2014 auch in Deutschland lief. Wenn hierzulande auch vom Publikum eher wenig beachtet; wieder mal, muß man hinzufügen, denn dieser Umstand verweist auf ein altes Problem: Intelligentes Thriller-Kino für Erwachsene hat es in Deutschland nicht leicht. Die Antworten auf die Frage für die Gründe dieses ja auch nicht ganz uninteressanten Phänomens sind durchaus mannigfaltig, müssen hier aber notgedrungen im Hintergrund bleiben. Ganz ausblenden lassen sie sich allerdings nicht. Allein schon, weil sich jetzt Regisseur Christian Alvart mit FREIES LAND an ein Remake von LA ISLA MÍNIMA gewagt hat. Und welcher deutsche Regisseur, wenn nicht Alvart, der ja sowohl im Kino als auch im TV schon bewies, daß er das Thriller-Handwerk souverän beherrscht, hätte dieses Wagnis angehen können?

Denn ein Wagnis ist sie, diese Geschichte von zwei Polizisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die in einem weltvergessenen Landstrich einen Serienkiller jagen. Und das vor einem Zeithintergrund, in dem sich politische Systeme, moralische Gewißheiten und soziale Gefüge auflösten. Ins Jahr 1992 nämlich führt FREIES LAND. Bach und Stein heißen, nicht ganz unwitzig, die zwei Kommissare, die irgendwo in den winterlich kalten und nebligen Weiten der Oderregion aufeinandertreffen. Stein, der junge Idealist und angehende Vater mit westenweißer Westsozialisation. Und Bach, der desillusionierte, vereinsamte Hau-drauf-Typ aus dem Osten mit so einigem auf dem Kerbholz. Beide müssen sich zusammenraufen, schließlich sind zwei Teenager, zwei Schwestern, spurlos verschwunden. Abgehauen wie so viele andere; rüber in den Westen, wo es gibt, was hier fehlt: Arbeit, Zukunft, ein Leben eben – so der Tenor der Bewohner in dem kleinen Oderstädtchen, in dem Bach und Stein Quartier nehmen. Wie sehr indes dieser Tenor auch einer des Selbstbetrugs ist, zeigt sich, als man die Leichen der beiden Vermißten entdeckt. Mißbraucht, mißhandelt, getötet, wie Müll entsorgt. Es sind nicht die ersten Opfer, wie Bach und Stein bald herausfinden.

Was nun Alvart mit FREIES LAND bietet, ist in der Tat vor allem erst einmal das: ein Genrefilm für ein erwachsenes Publikum. Eine spannende Mörderjagd, in der sich auch die Jäger bald als Gejagte wiederfinden. Heimgesucht auch von den Gespenstern einer Vergangenheit, die sich gerade in diesem Landstrich der verlorenen Zeit aufs Beste materialisiert. Womit die Träume, die man hier vom besseren Leben träumt, in eben gespenstischer Konsequenz zu bitteren Desillusionierungen führen – oder gar zu einem brutalen Sterben. Was nun in LA ISLA MÍNIMA die Übergangszeit von der Franco-Diktatur zur Demokratie war, ist in FREIES LAND die Zeit unmittelbar nach dem Dahinscheiden der DDR – der sehr spezifische Hintergrund für einen im Kern klassischen Plot. Darüber, inwiefern man bezüglich der politischen Substanz das eine (Franco-Zeit) mit dem anderen (DDR) vergleichen kann, darf man gern diskutieren – auch wenn Alvart derlei Diskussion wohl eher wenig interessiert.

Zumal in FREIES LAND die Momente, in denen er diesen Hintergrund in den Vordergrund rückt, die schwächeren, zumal oft recht pflichtschuldig wirkenden sind. Die Prioritäten liegen eben anderswo. Und so ist in diesem Film auch ein Wagnis, wie er jenseits dieser Schwächen eine konkrete Situation gesellschaftlicher Agonie in eine stimmige Atmosphäre überhöht, die vor allem einen Zweck hat: Spannung zu erzeugen und somit dem Thriller zu geben, was er braucht. Was dann in FREIES LAND durchaus mit Bravour gelingt.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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