D 2015, 94 min
FSK 12
Verleih: imFilm

Genre: Dokumentation

Regie: Thorsten Trimpop

Kinostart: 22.03.18

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Furusato

Wenn die Heimat den Tod bringt

Die Hölle in FURUSATO ist durchsichtig. Denn radioaktive Strahlung ist nicht sicht-, nicht fühl- und nicht hörbar, höchstens durch das Geknarze des Strahlenmessers, der im Film dauerhaft im Einsatz ist und dem Zuschauer quasi auf die Nerven drückt, so wie der ganze Film selbst.

Ort des Geschehens ist die kleine Stadt Minamisoma im Distrikt Fukushima, unweit der Atomkatastrophe 2011. Ein Teil von Minamisoma liegt in der evakuierten 20-Kilometer-Sperrzone um den havarierten Reaktor. Im übrigen Teil ist das Leben, so sagen es die Stadtoberen, trotz viel zu hoher Strahlenwerte weiterhin ohne Bedenken möglich. Dort leben knapp 57.000 Menschen. Weil es von außen nur schwer nachvollziehbar ist, warum nicht alle fluchtartig die Stadt verließen, besucht Filmemacher Thorsten Trimpop jene Anwohner, die geblieben sind, über einen Zeitraum von vier Jahren.

Das Ergebnis ist ein verstörendes Porträt einer zerstörten Stadt und ihrer tief verwundeten Bewohner. Da ist der junge Rockmusiker, dessen Freunde längst nicht mehr da sind, und der mit seinen Eltern sein altes Haus aufsucht, um ein paar Sachen zu retten. In weißen Schutzanzügen betreten sie die vertraute Umgebung, die Katze, die sie zurücklassen mußten, haben sie längst beerdigt. Dann ist der langhaarige Mönch, ein Aktivist, der hochradioaktiven Staub auf der Straße zusammenkratzt und in den Hungerstreik tritt, weil die Behörden zulassen, daß Schulkinder auf diesen Straßen ein Wettrennen veranstalten. Oder die Familie auf einer Pferdefarm, die dabei zusehen muß, wie ihre Tiere qualvoll verenden.

Der Film verzichtet auf Katastrophenbilder und fängt an, als die offenbar schlimmsten Schäden beseitigt waren, als die Mainstream-Medien längst aufgehört hatten hinzuschauen. Dabei steht das Schlimmste eigentlich noch bevor. „Was ist, wenn Du mal Kinder haben willst?“, fragt die Mutter ihre Tochter, die darauf beharrt zu bleiben. Und immer wieder ist die Rede von Heimat, die man nicht verlassen könne. Langsam und schmerzhaft führt der Filmemacher diesen verklärten Heimat-Begriff vor. Verstörende Musik und knarzende Strahlenmesser tun ihr übriges. Trimpop beobachtet, wie die Menschen die Realität vor sich herschieben, aber auch fehlende Entschädigungszahlungen und mangelnde Zukunftsaussichten hindern sie am Gehen. Dazu kommen das Verdrängen und Versagen der Verantwortlichen. Die Schulkinder singen im Chor: „Ich liebe Fukushima, ich gehe hier nicht weg.“ Was kann das für eine Heimat sein, die den Tod bringt?

[ Claudia Euen ]

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