Originaltitel: LAZZARO FELICE

I/F/D/CH 2018, 125 min
FSK 0
Verleih: Piffl

Genre: Drama, Poesie, Mystery

Darsteller: Adriano Tardiolo, Nicoletta Braschi, Agnese Graziani, David Bennent, Alba Rohrwacher, Sergi Lopez

Regie: Alice Rohrwacher

Kinostart: 13.09.18

3 Bewertungen

Glücklich wie Lazzaro

Form, Licht und Vollendung

Bei einem wohltemperierten Chianti im Dorf-Ristorante, beim Biß in die knackige Olive oder den zartschmelzenden Ziegenkäse kommen wir nur gar zu leicht ins Schwärmen. Das Licht hier! Die Alten, schau’! Die Bambini, ach! Und die Häuser, der Putz, wie er bröckeln darf! Italien lohnt das Reisen sehr. Mit verklärtem Blick noch mehr, und hinter all die „Vendesi“-Schilder an stumpfen Fensterscheiben muß man ja nicht unbedingt steigen, nicht in zwei Wochen Urlaub. Landflucht, Stadtdreck, soziale Brenngläser, per favore, haben wir doch auch! Und jetzt sogar das Wetter.

Nun begibt es sich anno 2018, daß die späten Tage dieses italienisch anmutenden Sommers mit einem Film von dort beginnen, der seinesgleichen sucht und auf lange Zeit nicht finden wird. GLÜCKLICH WIE LAZZARO ist ein Unikat, das an andere, sehr gern frühere Italo-Meister erinnern mag, in seiner formvollendeten Erscheinung aber so einzigartig scheint, daß man nur noch glücklich sein wie Lazzaro oder staunen möchte. Wie war das doch gleich mit dem Kino und dem Staunen?

Regisseurin Alice Rohrwacher, mithin erst 37jährig, hält sich nicht beim Verbeugen auf. Ihr Mut, die Leinwand mit epischen Momenten zu füllen, mit märchenhaften Elementen zu verfeinern, klar christliche Motive zu variieren und dennoch mit weltlicher Wahrhaftigkeit vom Heute zu erzählen, ist so bewundernswert wie nachdrücklich. Was ein wenig nach Überfrachtung klingt, ist nur eine klare Linie. Was verspielt anmutet, ist Leichtigkeit.

„Wer allein trinkt, erstickt“, ruft ein alter Bauer in die Küche. Der Marsala geht schon zur Neige, doch geteilt wird er unbedingt. Man trägt die knorrige Oma an den Tisch, junge Mädchen kichern, Mütter holen das letzte Brot. Es ist eng im Haus, dunkel und stickig, doch Mariagrazia und Giuseppe müssen gefeiert werden. Ein nächstes Paar im Dorf hat sich gefunden, was fast ein Wunder ist. Nur 26 Menschen leben in Inviolata, die Flut hat die einzige Brücke mitgerissen, das Dorf ist abgeschnitten, doch keinen, so scheint es, stört es. Tabak, Linsen, Kichererbsen werden angebaut und geerntet, die Wölfe fressen noch die letzten Kapaune. Die nächste Abrechnung wird wieder die Schulden erhöhen, Lohn gibt es keinen. Naturalpacht heißt das Los, die Bauern sind Leibeigene der Marquesa de Luna, ihr Eintreiber ist ein harter Hund.

Mittelalter also! Doch warum klingelt jetzt ein Mobiltelefon? Weshalb sieht der Sohn der Marquesa wie ein hipper Städter aus? GLÜCKLICH WIE LAZZARO arbeitet mit kleinen Entdeckungen und Verstörungen, bevor er just zur Mitte, nach dem Aufdecken eines „großen Betrugs“ (den es wiederum im echten Italien der 80er gegeben hat), noch einmal neu beginnt – fließend und unspektakulär.

Und Lazzaro? Wer ist das eigentlich? Held oder Antiheld? Figur oder Symbol? Rätsel oder Antwort? Debütant Adriano Tardiolo spielt den jungen Mann beeindruckend präzise als das, was er sein soll: Heiliger und Wiedergänger, braves Gemüt und Wissender, Ausgestoßener und Bindeglied, gute Seele und Störfaktor. Jene Szene, da er aus einer Kirche die Orgelmusik entführt und mit nach draußen nimmt, ist atemberaubend. Die auch!

Um dem Publikum andere, nicht weniger atemberaubende, weil furios gefilmte und komponierte Momente zu gestatten, sollte es an dieser Stelle das Fehlen weiterer Inhaltsbeschreibungen bitte nicht als Makel empfinden.

[ Andreas Körner ]

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