Originaltitel: GUZAARISH
Indien 2010, 126 min
Verleih: REM
Genre: Drama, Musikfilm
Darsteller: Hrithik Roshan, Aishwarya Rai
Regie: Sanjay Leela Bhansali
Kinostart: 03.03.11
Ethan will nicht mehr: Seit 14 Jahren vom Hals abwärts gelähmt, moderiert der ehemalige Zauberer eine optimistische Radioshow und kommt ziemlich gut zurecht, wobei ihm seine treue Pflegerin Sofia zur Seite steht. Dennoch möchte Ethan jetzt einen Schlußstrich ziehen, Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Euthanasie ist in Indien allerdings verboten, eine Anwältin soll den Anspruch auf Beendigung des eigenen Lebens vor Gericht erkämpfen. Sofia schockiert das Unterfangen, sie kann es nicht verstehen, reagiert verletzt – bis ein Tag kommt, an dem sie beginnt, Ethans Wunsch zu begreifen ...
Nun ist das Ganze nur erstaunliche 126 Minuten lang, für indische Verhältnisse also quasi ein Kurzfilm, doch Zeit für Gesang und akrobatischen Tanz nimmt sich GUZAARISH selbstredend trotzdem. Und mal ehrlich: Man sehnt sich teils nach einer Fernbedienung zum Vorspulen. Nicht, weil diese Einlagen schlecht wären, im Gegenteil, zum Beispiel geriet die Cover-Version von Nat King Coles „Smile“ wunderbar. Aber solcher Bombast aus Engelsstimmen und Gehüpfe paßt einfach nicht zur rauhen, dreckigen, ernsten Problematik.
Überhaupt scheint es Regisseur Sanjay Leela Bhansali eher um einen „Larger Than Life“-Stil zu gehen: Jede Kamerafahrt kommt en détail durchkomponiert daher, Sofia (man weiß es noch: eine Krankenschwester) könnte, jederzeit aufgedonnert und oft tief geschürzt, problemlos den nächsten Opernball besuchen, selbst Ethans Besetzung mit dem kernigen Star Hrithik Roshan erfreut optisch, trägt aber wegen mimischer Defizite nicht eben viel zum Gelingen bei. Das nominelle Sterbehilfe-Drama hat zwar immer dann starke Augenblicke, wenn der – adäquat zur Regie sogar in Nebenrollen showeinlagenartig agierende – Cast mal auf geweitete Augen, überdeutliche Artikulation und Gesten am Rand des Theaters verzichtet, den Figuren Raum schenkt. Doch zu selten darf man dies sehen, womit sich durchaus interessante Betrachtungen zum Thema im kunterbunt-artifiziellen Gewusel, in der künstlich gezimmerten Welt, manchmal fast Douglas Sirk ähnlich, kaum behaupten.
Von Verleihseite heißt es werbetechnisch ganz allgemein: „Bollywood macht glücklich!“, was stimmen mag, falls Kitsch und Opulenz für den ominösen Glücksbegriff herhalten sollen. Das Erkaufen derartiger Rauschgefühle durch Inszenierung am Sujet vorbei darf im hiesigen Fall indes deutlich kritisiert sein.
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme mit Wahrheit. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Und Frank kann GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...
[ 03.03.11, 14:27:17 – Frank Blessin ]
Hallo Betty,
grundsätzlich stimme ich Dir bzgl. der kulturellen Tradition absolut zu, diese ist mir durchaus bewusst, weshalb die in der Kritik geäußerte Meinung weder auf den erwähnten Kulturimperialismus abstellen noch die Songeinlagen generell verdammen soll. Und übrigens kann ich der indischen Sangeskunst generell durchaus nicht euphorisch viel, doch schon etwas abgewinnen.
Aber, mal weg vom subjektiven (dafür steht ein Name unter der möglichst objektiven Kritik) Problem der empfundenen Kluft zwischen Thema und audiovisueller Gestaltung, zu der ich nach wie vor stehe: Muss es denn, wenn der Regisseur das Ganze so umsetzen möchte, unbedingt z.B. die x-te Version von "Smile" sein? Erneut ist gegen den Song an sich nichts zu sagen, obwohl die Frage bleibt, inwiefern Nat King Cole Intentionen der hiesigen Art damit verbunden haben mag, auch geht - wie geschrieben - die im Film zu hörende Fassung absolut in Ordnung, zumal da nichts falsch gemacht werden kann. Dennoch: Hätte man sich zur - nicht nur in diesem Fall - so wichtigen thematischen Einstimmung, ergo praktisch in Schlüsselfunktion, nicht was anderes einfallen lassen sollen als ein Lied, das von Judy Garland über Barbra Streisand bis hin zu Diana Ross schon gefühlte 138 (normalerweise amerikanische) KünstlerInnen neu aufgelegt haben? Und das erst kürzlich wieder bei der letzten OSCAR-Verleihung von Celine Dion mit gnadenloser Taschentuch-Dramatik in den Raum geseufzt wurde?
Auf die Gefahr des Irrtums: Mit Tradition bzw. kultureller Eigenständigkeit hat so etwas m.E. nun auch wenig zu schaffen. Ich will nicht gleich von Anbiedern reden, aber irgendwie schielt es schon in diese Richtung, zumal der o.g. Rückgriff auf sattsam bekanntes und allseits beliebtes US-Klassiker-Liedgut im Film nicht die einzige Ausnahme darstellt, wie ich mich - zugegebenermaßen sehr dunkel, weil Sichtung länger her - zu erinnern glaube, selbst wenn es da vermeintlich ironische Brechungen in Form von Bezeichnungen als “langweiliges Gedudel” oder so ähnlich gibt. Woraus man bösartig und mit Hang zur unmäßigen Kritik im Zweifel auch schon wieder das Fragezeichen ableiten könnte, weshalb es andererseits zur Handlungseröffnung taugt, aber das führt zugegebenermaßen zu weit.
Grüße, der Rezensent
[ 03.03.11, 10:37:53 – betty ]
Der Rezensent kann ja seine Meinung zum Film haben. Aber er sollte die Songeinlagen nicht verdammen. Sie sind ein nicht wegzudenkendes Element des populären indischen Films und besitzen eine lange kulturelle Tradition. Diese Haltung gleicht Kulturimperialismus und verdeutlicht nur wieder eine gewisse Ignoranz gegenüber anderen Filmsprachen!
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