Originaltitel: HAPPY-GO-LUCKY

GB 2008, 118 min
Verleih: Tobis

Genre: Komödie, Schräg

Darsteller: Sally Hawkins, Eddie Marsan

Regie: Mike Leigh

Kinostart: 03.07.08

Noch keine Bewertung

Happy-Go-Lucky

Spinner und Träumer aller Länder ...

Pfefferminzgrün, Zitronengelb, Fliederlila und Schweinchenrosa. Wer hätte je gedacht, daß dies einmal die Farben eines Films von Mike Leigh sein werden? Ausgerechnet Mike Leigh, der große Versteher des Proletariats, der Bewahrer des Kinos der kleinen Leute, der bisher - zwar stets mit einem kleinen Hoffnungszwinkern - Geschichten vom Grau, vom harten Durchwurschteln erzählte, ausgerechnet er wagt sich nun in die diffizile Kampfzone einer Komödie. Und es geschah, was bei Leigh geschehen mußte: HAPPY-GO-LUCKY ist ein brillanter Film, ein nicht nur für Leigh gänzlich ungewöhnlicher Film, der einen um den Finger wickelt, der einem eine Nervensäge von Hauptfigur derart liebevoll ins Herz empfiehlt, daß man nur staunen kann. Vor allem über die unglaubliche Hauptdarstellerin Sally Hawkins. Sie verleiht der leicht überdrehten und dauerhaft die Welt umarmenden Grundschullehrerin Poppy das zweitschönste Lächeln der Filmgeschichte (Wir dürfen Julia Roberts halt nicht vergessen!), sie gibt einer aber so was von positiv gestimmten Person im Subtext die Brüche, die jeder Mensch haben muß, und Hawkins geht völlig auf in diesem perfekten Zusammenspiel aus lebensrettender Verrücktheit und wohltuender Bodenhaftung.

Dabei läuft bei Poppy auch nicht alles am Schnürchen. Männer? Ab in die Tonne! Fahrrad geklaut? Sie hätte sich wenigstens von dem alten Stück verabschieden wollen! Doch Poppy ist gerüstet, sie ist durch Asien gereist, hat 60-Schüler-Klassen unterrichtet, wer Poppy erlebt, weiß: eine Herausforderung für beide Seiten. Dann wäre da noch der cholerische Fahrschullehrer. Den lacht sie weg, einmal frech gebremst und scharf die Kurve geschnitten. Doch dessen Nerven liegen blank. Blanker als ein sonniges Geschöpf wie Poppy es sich je hätte vorstellen können. Denn der Kerl ist einsam, frustriert, gewalttätig. Das eskaliert, als sich ein Mann an Poppys Seite zeigt. Tim, ein Sozialarbeiter, der auch ein gehöriges Maß an Spinnertem in sich trägt. Die Idealergänzung für unser ausgeflipptes Huhn ...

Leigh zeigt schon schräge Figuren, gerade die engsten Freundinnen an Poppys Seite, die im schrillen 80er-Look ein wenig gestrig und selbstironisch zu Pulps "Common People" abtanzen, sich die Welt noch heller trinken und wie Kinder benehmen. Doch Leigh geht noch mit jeder Figur ausgesprochen liebevoll um, er manifestiert eine Film gewordene Antithese zu modernem Dauerstreß und Wohlstandsvermehrung. Dabei bleibt Leigh immer realistisch, weiß um die immanenten Gefahren einer sich abkühlenden Gesellschaft, wenn seine Heldin erkennt, daß sie wohl ziemlich viel Glück hatten. Wieviel Träumer bleiben denn auf der Strecke?

Dabei hat die charmante Nervensäge gleich nochmals recht, wenn sie zum Filmschluß auf einem Teich reichlich ungeschickt paddelnd sinniert: "Es ist schwer, erwachsen zu werden."

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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