Originaltitel: HASTA LA VISTA!

Belgien 2011, 115 min
FSK 12
Verleih: Ascot

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Robrecht Vanden Thoren, Gilles de Schrijver, Tom Audenaert

Regie: Geoffrey Enthoven

Kinostart: 12.07.12

1 Bewertung

Hasta la vista

Anrührende Komödie über letzte Chancen

Allein der Einstieg. Das Meer tost, der Busen bebt, ein Spanner auf der Terrasse, im Visier zwei liebreizende Joggerinnen. Dann sehen wir den noch sehr jungen Mann am Fernglas, Philip heißt er, mit zwei Freunden bei einer ihrer liebgewonnenen Weinverkostungen. Die Kellnerinnen sind anmutig, die Blusen kaum hochgeschlossen, die Jungs frotzeln über Abgang und Mundgefühl, und Lars läßt sich dazu hinreißen, die Frage nach den Gerbstoffen mit „Zwei ganz prächtige Tannine!“ zu beantworten.

Ja, HASTA LA VISTA geht nicht knausrig mit schwarzem, derbem und – was sich hier nicht ausschließt – auch feinsinnigerem Witz auf die Piste. Was wunderbar und einzig richtig ist, denn Humor, vor allem Galgenhumor, ist nötig, wenn man dem Leben etwas abgewinnen will, und davon können die drei nun wirklich ein Lied singen: Jozef ist fast blind, Lars zwingt ein fieser Tumor in den Rollstuhl, und Philip kann außer dem Kopf gar nichts mehr bewegen. Und wer jetzt nicht weiterliest, wer den Kinobesuch schon abhakt, hat entweder ZIEMLICH BESTE FREUNDE nicht gemocht, ist grundsätzlich ignorant oder hat gleich gar kein Herz – denn HASTA LA VISTA dürfte einer der witzigsten, ergreifendsten und lebensklügsten Filme des Kinosommers werden. Hand drauf!

Neben ihrer körperlichen Eingeschränktheit und einer – wie sich beweisen wird – unbeirrbaren Freundschaft verbindet die Jungs, die auch schon in den 20ern sind, vor allem eins: ihre Jungfräulichkeit. Da Lars mit Sicherheit keine 30 wird, und Sex ohnehin keinen Aufschub verdient, haben sie einen Plan: El Cielo. Ein schöner Name für ein Örtchen beim spanischen Punta del Mar, wo nicht weniger angeboten wird als käufliche Liebe für Leute mit Handicap. Das aber kann man den besorgten Eltern schwer erklären, deswegen wird sich eine Weinreise durch Frankreich erlogen: Pomerol, Languedoc, Bordeaux ... und den Rioja testet man nun mal in Spanien. Der Betreuer Claude wird auserkoren, und schon bald knarrt der alte Mercedes-Bus um die Ecke. Die Reise geht los, die Freundschaft wird auf Proben gestellt, und Claude ist im übrigen gar kein Mann.

Um das voranzustellen: Auch wenn die Kampfparole „Ich will Sex. Ich will ficken!“ lautet, HASTA LA VISTA ist alles andere als eine Pubertätsklamotte, kein fäkalhumoristisches Biedermannvehikel, es ist vielmehr ein Film über letzte Chancen, über Mündigkeit und das Übersichhinauswachsen. Und auch und vor allem über Freundschaft. So auf sich gestellt, liegen die Nerven der Jungs schnell blank, die Reibereien mit Claude lassen sehr bald ein ganz neues Verhältnis und in einem Fall gar Liebe durchschimmern, und wenn man in die Augen der Jungs schaut, als sie in einem von Claude empfohlenen 1000-Sterne-Hotel logieren, dann kann man sich der Tränen ob des Glücks und dessen Endlichkeit kaum erwehren. Muß man auch nicht, denn HASTA LA VISTA ist ein Manifest der Menschlichkeit, Regisseur Enthoven sympathisiert mit Schwächen und Fehlern, für ihn gelten keine schablonenhaften Verhaltensweisen und Prinzipien. Aber er glorifiziert auch nicht die Narrenfreiheit körperbehinderter Menschen, denn auch für sie gelten Regeln. Dem bereits erwähnten Schlachtruf gesellen sich tiefe Ängste, große Unsicherheiten und herausplatzende Wut ob des eigenen Schicksals hinzu.

Und schließlich: Auch wenn die Jungs am Ende nicht mehr vollzählig sind, wenn sich Freude und Traurigkeit einmal mehr die Hand geben, wenn man allerspätestens dann den Tränen freien Lauf lassen muß, das Einzige, was zählt und was über allem jubiliert: Sie haben’s getan! So oder so ...

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

Lesezeichen:

2 Meinungen zur Rezension oder zum Film

[ 09.08.12, 20:10:25 – michael eckhardt ]
hallo gevatter :),

danke für den löblichen einstieg :) doch dann bist du ein wenig ungenau, denn weder vergleiche ich die FREUNDE ganz direkt mit HASTA, noch erwähne ich die mir von dir frech untergemogelten "guter wille, nette einfälle, löbliche intention".
in der hoffnung, daß du dem PLAYER weiter vertraust und du in diesem sommer noch einige male ins kino gehst, grüßt
micha vom PLAYER

[ 07.08.12, 14:01:03 – Gevatter ]
Lieber Michael,
ich halte ja viel von Deinen Rezensionen, aber hier muss ich mal widersprechen. Gerade der Vergleich mit »Ziemlich beste Freunde« (den ich sehr mag) lässt »Hasta …« doch recht dürftig erscheinen und schmälert – so man beide gar gleichsetzt – die Qualität von ersterem. Als Marketing-Einfall der Filmwerber ist er einfach clever und tut seine kalkulierte Wirkung. Aber die zugestandenen Ingredenzien "guter Wille, nette Einfälle, löbliche Intention" reichen nun mal nicht aus, einen wirklich guten Film werden zu lassen. Um mal drastisch zu werden (was dem »Hasta …« zugegebenermaßen ein wenig unrecht tut): »American Pie« auf Behindertisch.
Also, wenn Du recht hast und »Hasta …« "einer der witzigsten, ergreifendsten und lebensklügsten Filme des Kinosommers" gewesen sein wird, dann brauche ich in diesem Sommer nicht mehr ins Kino zu gehen – jedenfalls nicht zu aktuellen Filmen.




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