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Hockney

Der große Blonde mit der schwarzen Brille

Wer dem Leben mit einem Ja! gegenübertritt, macht sich mancherorts verdächtig. Besonders der Kunstkritik gilt der zerquälte oft als der tiefere Charakter und die Ironie als einzig mögliche Haltung zur Welt. David Hockney – Maler, Grafiker, Fotokünstler, Bühnenbildner, Männerliebender, Rauchender, Sonnenanbeter, Brillenträger, Nordengländer von Geburt und Kalifornier im Herzen – hat in diesen dunkel patinierten Rahmen nie so recht gepaßt. Dennoch gewann er sowohl die Wertschätzung diplomierter Kenner als auch die Zuneigung eines großen Publikums. Die Arbeiten des heute fast 80jährigen gehören im internationalen Museumsbetrieb seit Dekaden zur Pflichtausstattung.

Mit „Ich male, was ich mag, wann ich mag und wo ich mag“ hat sich eine fröhliche Kriegserklärung an den Zeitgeist überliefert, die Hockneys künstlerisches Credo bestens zusammenfaßt. Als andere ihre wunden Seelen in abstrakten Formen auf die Leinwand tropften, malte er figürlich. Und als sich der Ottonormalbürger gerade ein Bild machte vom wilden Treiben der homosexuellen Subkultur, machte Hockney Bilder von einer in aufgeräumte Interieurs gegossenen schwulen Häuslichkeit, etwa im Doppelporträt von Christopher Isherwood und Don Bachardy von 1968.

Für Randall Wright hat Hockney nun sein privates Video- und Fotoarchiv geöffnet: Aufnahmen aus der Studienzeit in England, später vom Bohème-Leben in New York und Los Angeles. Dazu Bilddokumente der Verwandlung vom unscheinbaren Yorkshire-Boy in den ultrablonden Kunstwunderknaben, gefilmte Impressionen von badenden Männern und dem Geliebten Peter Schlesinger, kurz: aus den unbeschwerten Vor-AIDS-Jahren. Hockney selbst, flankiert von einigen Weggefährten, spricht dem mit leichter Hand ausgebreiteten Material den Kommentar – heiter, gelassen, hörbar schmunzelnd oder berührt, wenn er sich der Freunde erinnert, die dem Virus zum Opfer fielen. Doch es ging weiter, nach den Toten, nach der Trennung von Peter.

Randall Wrights zugewandtes Künstlerporträt begibt sich bereitwillig in die Hände seines Protagonisten und läßt sich zu dessen Energiequellen führen: zum beherzten Pragmatismus der einfachen Herkunft, zur kalifornischen Wärme und Weite, zu einer enormen Lust an der Produktivität. Gelegentlich verwandelt sich die Bildspur dabei in ein Testgelände für Perspektiven, Farben und Rasterungen – eine kleine Schule des Sehens à la Hockney.

Originaltitel: HOCKNEY

GB/USA 2014, 113 min
FSK 6
Verleih: Arsenal

Genre: Dokumentation, Biographie

Regie: Randall Wright

Kinostart: 15.10.15

[ Sylvia Görke ]

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