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Leben an der Überholspur

Ein Idyll stellt man sich anders vor: Die Familie von Marte, gespielt von einer wieder mal fabelhaften Isabelle Huppert, lebt direkt an der Autobahn. Allerdings handelt es sich um ein stillgelegtes Stück Schnellfahrtsstraße, an der das Haus der fünfköpfigen Sippe steht. Hier scheinen Marte, ihr Mann Michel und die drei Kinder ihr eigenes Paradies gefunden zu haben. Der Asphalt wird als Hockeyspielfeld genutzt, im Vorgarten entsteht ein Pool, und unterm einen Steinwurf entfernten Baum ist der perfekte Picknickplatz. Doch ein Paradies existiert bekanntlich nicht ewig. Männer in orangefarbenen Anzügen und mit Helmen tauchen auf, und schon bald ist klar: Die Autobahn kommt zurück. Der Veränderung wird zunächst mit Humor und Einfallsreichtum begegnet. Aber nach und nach erschüttern die vorbeirasenden Autokolonnen nicht nur das Geschirr beim Picknick, sondern auch die Grundfeste der Familie.

Ursula Meiers Kinofilmdebüt beginnt als feinsinnige Familienkomödie und wandelt sich später immer stärker zur filmischen Metapher über die Beziehung Familie und Gesellschaft. Selten hat man in letzter Zeit so natürliche, unaufdringliche Bilder von einem glücklichen Familienleben gesehen, wie zu Beginn des Films. Schnell schließt man diese warmherzig gezeichneten Figuren ins Herz. Weshalb es umso mehr leid tut, wenn ab der Mitte das Kunstkonzept der Regisseurin dominiert, und man die Charaktere zunehmend verliert. In die Isolation getrieben und von der ältesten Tochter Judith verlassen, mauern sich die verbleibenden Vier in ihr Zuhause ein. Was als Lärmschutzmaßnahme beginnt, entwickelt sich rasch zum klaustrophobischen Psychodrama, das einem schnell nicht nur an, sondern leider auch auf die Nerven geht.

Der recht radikale Sprung vom konkreten Familienporträt zur abstrakten Metapher entzieht Ursula Meiers Werk viel von jener authentischen Emotionalität, von der ihr Werk am Anfang lebt. Die verstörende Wirkung des Bruchs mag beabsichtigt sein, es wird damit auch erzählerisch etwas verschenkt. Aber selbst wenn man mit dem verkopften Schlußteil von HOME nicht so recht etwas anfangen kann, bleibt zu konstatieren, daß Meier ein eigen- und einzigartiger Familienfilm geglückt ist.

Originaltitel: HOME

CH/F/Belgien 2008, 95 min
FSK 12
Verleih: Arsenal

Genre: Drama, Komödie

Darsteller: Isabelle Huppert, Olivier Gourmet, Adélaïde Leroux, Madeleine Budd, Kacey Mottet Klein, Ivailo Ivanov

Regie: Ursula Meier

Kinostart: 25.06.09

[ Paul Salisbury ] Paul mag vor allem Filme, die von einem Genre ausgehen und bei etwas Neuem ankommen. Dabei steht er vor allem auf Gangsterfilme, Western, Satire und Thriller, gern aus der Hand von Billy Wilder, Sam Peckinpah, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, den Coen-Brüdern oder Paul Thomas Anderson. Zu Pauls All-Time-Favs gehören DIE GLORREICHEN SIEBEN, TAXI DRIVER, ASPHALT COWBOY, SUNSET BOULEVARD, POINT BLANK ...