Originaltitel: INTIMACY

F 2000, 119 min
Verleih: Prokino

Genre: Drama, Liebe

Darsteller: Kerry Fox, Mark Rylance, Marianne Faithfull

Stab:
Regie: Patrice Chéreau
Drehbuch: Hanif Kureishi

Kinostart: 07.06.01

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Intimacy

Klug, intensiv, melancholisch - eine Studie über Nähe

Pornographie-Alarm war gegeben, hatte man doch von den unerhört freizügigen Beischlafszenen in Patrice Chéreaus nunmehr achtem Film gehört. Tatsächlich bekommt man Sex zu sehen, grob und unbeholfen, wie er nun mal aussieht, wenn die Kamera alle Druckstellen und Rötungen, jede übergroße Hautpore, jede ungeschickte Bewegung, jeden entglittenen Gesichtszug, jede knisternde Kondompackung registriert. Jeden Mittwoch wartet Jay in seinem Haus auf Claire, jeden Mittwoch schlafen sie miteinander, ohne auch nur das Geringste vom anderen zu wissen.

Chéreau steigert sprachlose Körperlichkeit bis ins Unerträgliche, wiederholt diese Szenen mit der Zähigkeit eines arbeitsamen Automaten. Der uneitel vollzogene Akt, die spröden Bilder machen jede schwüle Erotik oder Geilheit unmöglich. Das alte Muster von Flirt, Kennenlernen, Kaffeetrinken und letzter Hingabe wird mit eiserner Konsequenz um 180 Grad gedreht, um sämtliche Illusionen vom seelischen Verschmelzen verschlungener Leiber und der Freiheit des Unverbindlichen zu zerschlagen.

Als Claire eines Mittwochs ausbleibt, macht sich der abgeklärte und verbitterte Jay auf die Suche nach der fremden Frau, folgt ihren Wegen fiebernd und ängstlich bis in eine Theateraufführung. Spätestens, wenn sich hier die scheinbar so bequeme weil unverbindliche Beziehung in Sehnsucht verwandelt, wenn Jay im Gespräch mit Claires Ehemann zu viel von sich preisgibt und doch nichts erzählt, wenn sich Claire unvermittelt und heftig einer ihrer Schauspielschülerinnen öffnet, entpuppt sich das "Skandalwerk" als komplexe, zutiefst melancholische Studie über Nähe und Fremdheit, als klug komponiertes und gespieltes Drama einer amputierten Beziehung, das zudem völlig ohne geschwätzige Dialoge und zu Tode erklärte Charaktere auskommt. Erst nachdem er sie in den Augenblicken äußerster Entblößung zwischen schmutzigen Kissen gezeigt hat, stellt Chéreau die Liebenden vor, erst jetzt schenkt er ihnen die Möglichkeit, sich unschuldig, vorsichtig, kindlich in ihrem Zögern und Fordern zu nähern, auch wenn sich Vertrautheit nie einstellen will.

[ Sylvia Görke ]

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