D 2009, 88 min
Verleih: Leykauf

Genre: Dokumentation

Regie: Angela Graas

Kinostart: 11.02.10

2 Bewertungen

Jagdzeit

Der Stachel im Idealismus

Nein, es ist nicht schön, daß die Japaner Wale fangen, um sie zu Sushi zu verarbeiten. Und ja, es ist gut, daß es Menschen gibt, die die Wale schützen wollen. Und Filme soll man auch über diese Menschen drehen, auf daß die Welt Kenntnis nehme, Position beziehe, Unmut (über die japanische Walfangflotte) und Sympathie (für, in diesem Falle, Greenpeace) artikuliere.

Alles richtig. In diesem „alles richtig“ aber piekst, etwa beim Ansehen von JAGDZEIT, zumindest den kritischen und objektiven Zuschauer (und den kritischen und objektiven Filmkritiker) ein Stachel des dezenten Unbehagens.

In JAGDZEIT begibt sich ein Kamerateam an Bord der „Esperanza“, um die Fahrt des Greenpeace-Schiffes ins Südpolarmeer zu dokumentieren. Es gilt, der japanischen Walfangflotte das Schlachten der Meeressäuger mit einschlägigen Aktionen zu erschweren, Wale vorm Harpunieren zu retten, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, bestenfalls zu mobilisieren. Ein Unterfangen des reinen Idealismus’, nicht ohne Risiko für Leib und Leben beim tollkühnen Manövrieren in Schlauchbooten vor den Stahlrümpfen der Walfangschiffe.

JAGDZEIT fächert das als Gruppenporträt auf. Idealisten mit Eisbergen sozusagen. Das ist sympathisch, das ist schön fotografiert. Und spannend ist das auch, wenn das Suchen nach der Walfangflotte zum Kampf gegen die Zeit wird und die Konfrontation endlich eintrifft. Ganz klar: An den Männern und Frauen auf der „Esperanza“ liegt es nicht – weshalb also piekt der Stachel?

Zum Beispiel deshalb: Am Anfang des Filmes werden Walfänger bei einem religiösen Ritual gezeigt, in dem die Seelen der getöteten Meeressäuger besänftigt werden sollen. Dieses Motiv kultureller Mentalität und traditionellen Selbstverständnisses setzt sich in Folge in Kontrast zu Bildern des Wale-Schlachtens, blutroter Meereswellen, kurz: zur Tierquälerei. Im Kontext sind die betenden Walfänger da nicht mehr als ein Haufen abgeschmackter Japaner, die ihre Barbarei religiös motivieren.

Das nun zeugt von der Arroganz des Diskreditierens einer Lebens- und Empfindungswelt, über die der aufgeklärte Westler – und dieser Film – sich wohlfeil erheben. Gerade für einen durchaus gelungenen Dokumentarfilm wie JAGDZEIT ein Armutszeugnis. Allerdings eines, das sich einfügt in eine Tendenz aktueller Dokumentationen, die, im Namen des Idealismus’, sich gerne auch mal diskreditierender Suggestionen bedienen.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

Lesezeichen:

1 Meinung zur Rezension oder zum Film

[ 15.02.10, 10:17:58 – Sia ]
Die in der Kritik oben bemängelte Parteinahme der Filmemacher konnte ich so nicht erkennen. Sie findet vielleicht eher im Kopf des Betrachters statt. Mir machte der Film erstmalig verständlich, warum die Japaner überhaupt so hartnäckig an der Walfängerei festhalten. Die Kamera blieb im Rahmen ihrer Möglichkeiten fair und zeigte auch, wie die Greenpeace-Leute gelegentlich ihren hohen Sockel selbst demontieren. Sterbende Wale waren selten zu sehen, gerade oft genug, damit man nicht vor lauter Spannung vergaß, worum es überhaupt geht. Hochsee, Verfolgungsjagden von Schiffen, ein angespannter Kapitän, Maschinen am Limit, der Galgenhumor der Besatzung, stundenlanges Lauern mit dem Fernglas - man stelle sich "Das Boot" mit der Belegschaft eines Öko-Workcamps vor.




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