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Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel

Die Kraft der Kreativität

Die Mittel sind knapp. Beim deutschen Film ein Dauerproblem. Die Ausnahme scheinen die Filme zu sein, welche die Werke des heimischen Literaturkanons auf mehr oder weniger originelle Weise neu ins Bewegtbild übersetzen. Für diese meist historischen Stoffe wird zur Frischhaltung des eigenen Kulturguts von den Sendern und Förderungen gerne Geld gegeben, und das reichlich, schließlich kann hier besten Gewissens mal geklotzt werden. Was passiert, wenn bei einem solchen teuren Historienfilm plötzlich die Finanzierung wegbricht, davon erzählt KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL auf höchst amüsante und zugleich tief berührende Weise.

Regisseur Lehmann hat ein großes Problem: In der Nacht vor Drehbeginn springt ihm die Produktion ab und mit ihr das Geld für seine Verfilmung der Kleist-Novelle „Michael Kohlhaas“ um einen betrogenen Pferdehändler, den das ihm widerfahrene Unrecht zum Revolutionär macht. Doch auch Lehmann ist keiner, der so leicht aufgibt. Wie der Protagonist seines Filmprojekts läßt sich der Regisseur von Ungerechtigkeiten dieser Art nicht einfach aus der Bahn werfen. Lehmann überzeugt mit viel Leidenschaft den Großteil seines Teams zum Bleiben. Um das Materielle erleichtert, lebt das Filmteam nun vornehmlich vom Glauben an die Vision des Vollblutkünstlers im Regiestuhl. Doch von Visionen allein wird man nicht satt, und so stehen sich die ganz realen, alltäglichen Bedürfnisse und der künstlerische Idealismus der Crew bald auf dem Schlachtfeld der bayrischen Provinz gegenüber.

Ganz zu recht hat KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL schon reichlich Filmpreise abgeräumt, keineswegs zufällig auch den Publikumspreis des Max-Ophüls-Festivals. Denn Lehmanns Langfilmdebüt ist kein verkopfter Zitate-Reigen für Film-Insider geworden, sondern ein Film, der den Zuschauer mitreißt und bis zum Schluß bestens unterhält. Herauszuheben ist neben dem überaus gelungenen Balanceakt zwischen bissiger Filmsatire und berührendem Drama die Leistung von Hauptdarsteller Robert Gwisdek, dessen durchweg spürbares inneres Feuer hier alles am Kochen hält.

Daß einem am Ende ein Film über langwierige, zermürbende Dreharbeiten kurzweiliger erscheint als jedes perfekt ausgestattete Historienepos mit großen Schlachtszenen, ist dabei das beste Plädoyer für die Kraft der Kreativität.

D 2012, 90 min
FSK 6
Verleih: Missing Films

Genre: Satire, Komödie, Mockumentary

Darsteller: Robert Gwisdek, Jan Messulat, Thorsten Merten, Rosalie Thomass

Stab:
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Aron Lehmann

Kinostart: 08.08.13

[ Paul Salisbury ] Paul mag vor allem Filme, die von einem Genre ausgehen und bei etwas Neuem ankommen. Dabei steht er vor allem auf Gangsterfilme, Western, Satire und Thriller, gern aus der Hand von Billy Wilder, Sam Peckinpah, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, den Coen-Brüdern oder Paul Thomas Anderson. Zu Pauls All-Time-Favs gehören DIE GLORREICHEN SIEBEN, TAXI DRIVER, ASPHALT COWBOY, SUNSET BOULEVARD, POINT BLANK ...