Originaltitel: LOURDES

Österreich/F/D 2009, 99 min
FSK 0
Verleih: NFP

Genre: Satire

Darsteller: Sylvie Testud, Léa Seydoux, Bruno Todeschini, Elina Löwensohn

Stab:
Regie: Jessica Hausner
Drehbuch: Jessica Hausner

Kinostart: 01.04.10

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Lourdes

Generalinspektion in der Wunderfabrik

Was hat sich die Pilgerstättenverwaltung nur gedacht, als sie für Jessica Hausners Spielfilmprojekt eine Drehgenehmigung erteilte? Ganz offensichtlich war in Lourdes nicht bekannt, daß die Wiener Filmakademie seit Jahren regelmäßig Absolventen entläßt, die weltliche wie göttliche Erscheinungen bis aufs Skelett sezieren können. Und Hausner versteht sich aufs Schneiden – quer durch den florierenden Heilsbetrieb, schräg in das römisch-katholische Demutsgebot, tief in die Masse der Verzweifelten, die in Rollstuhl- und Rollatorscharen kommen oder im Dienst an den Kranken ihr Tugendkonto aufzufüllen hoffen.

Die dringende Ermahnung der Oberschwester, daß „wir nicht zum Vergnügen hier sind“, ist überflüssig. Christine, eine junge Multiple-Sklerose-Patientin, kann weder das Tanz- noch das Standbein schwingen und bekommt ohne Hilfe keinen Bissen in den Mund. Hier ist sie umgeben von ehren- und hauptamtlichem Mitgefühl mit den allerbesten Wünschen für ein Wunder – wenn es ihr Frau Huber oder Herr Hruby nicht vor der Nase wegschnappen. Frau Hartl aber wird das zu verhindern wissen. Beherzt schiebt sie Christine dorthin, wo das Unwahrscheinliche vermutet werden muß. Frau Hartl hat sich genau erkundigt!

In den gut sortierten Wartereihen vor Altar, Grotte und Quelle zettelt Hausner ein heilloses, absolut welthaltiges Durcheinander von Egoismen an. Das Verständnis, mit dem sie diesen still Hoffenden, laut Meckernden und barmherzig Lächelnden begegnet, hindert sie jedoch nicht daran, ein riesiges Fragezeichen zu formulieren. Zischend schlängelt es sich um ein Heilsversprechen ohne Handschlag, durch ein absurdes Glaubensunternehmen, das sich mit Fleiß gegen die Unberechenbarkeit des eigenen Chefs auflehnt. LOURDES strotzt nur so vor gedanklicher Komplexität, emotionaler Redlichkeit und, jawohl, wienerisch-grimmigem Aberwitz.

Die dazugehörigen spröden Bilderwunder scheinen Hausner einfach zuzufliegen. Zum Beispiel von der Decke des Speisesaals, in dem ein weißbehaubtes Schwestern-Ballett zu den Klängen von Ave Maria die Frühstückstische eindeckt. Zum Beispiel vor der steinernen Wartebank, über die Frau Huber, Frau Spor und all die anderen mitsamt ihren Handtaschen und religionsphilosophischen Überlegungen von links nach rechts ins Heilbad rutschen. Die Damen gehören zum erfahrenen Pilgerkern und sollten doch spätestens nach dem nächsten Besuch die entscheidende Frage beantworten können: Wie drängelt man sich bei Gott vor?

[ Sylvia Görke ]

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