Originaltitel: LUCKY

USA 2017, 88 min
FSK 0
Verleih: Alamode

Genre: Poesie, Drama

Darsteller: Harry Dean Stanton, David Lynch, Tom Skerritt, Ron Livingston, Ed Begley Jr.

Regie: John Carroll Lynch

Kinostart: 08.03.18

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Lucky

Realismus ist eine Sache und dieser Film der letzte des großen Harry Dean Stanton

President Roosevelt lebt! Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er noch sehr lange leben, denn President Roosevelt ist eine Schildkröte. Keine gewöhnliche, sondern jene von Howard aka David Lynch. Mensch und Panzertier haben hier eine echte Beziehung, nicht nur eine Rolle, womit sie in guter Gesellschaft sind. Irgendwie spielt in diesem Film, so scheint es, keiner eine Rolle, nicht mal eine Hauptrolle.

Harry Dean Stanton ist LUCKY. So steht es schon im Vorspann. Eine feine Nuance nur, aber eine wichtige. Denn daß es Stantons letzte Klappe unter einer 200teiligen Filmographie sein würde, lag in der Luft. Am Ende wußte wohl vor allem er es. Ein 91jähriger gibt einen 90jährigen, das ist angemessen. Logan Sparks hat seinem Freund Harry auf diese Art einen Liebesbrief geschickt und biographische Details aus Stantons Leben verwebt. Er kennt und wir ahnen sie.

Die Brille rutscht und ist längst viel zu breit für sein hageres Gesicht. Luckys Tage in seiner Hütte am Rand der Wüste sind ritualisiert, doch noch immer selbstbestimmt: morgens aufstehen, mit dem Waschlappen reinigen, dann Yoga-Übungen mit 20 Wiederholungen. Wichtig sind seine Zigaretten, die Ratesendungen im TV und Kreuzworträtsel. Auf Senkrecht wird nach Realismus gefragt. „Realismus ist eine Sache“, sagt Lucky. „Es ist die Praxis, eine Situation so zu akzeptieren, wie sie ist, und die Bereitschaft, entsprechend mit ihr umzugehen.“ Sein langes Dasein auf Erden hat den erklärten Atheisten zum Philosophen gemacht. Die Uhr der Kaffeemaschine blinkt eine digitale 12:00 heraus – wahrscheinlich vom letzten Stromausfall. Oder noch vom Kauf.

Wenn Lucky beim Raten nicht weiterweiß, befragt er sein kiloschweres Lexikon auf dem Stehpult. Oder das rote Telefon auf dem Couchtisch. Am anderen Ende nimmt zwar jemand ab, aber keine Stimme ist zu hören. Ein Rätsel für sich. Dann schlurft Lucky eben ins Kaff-Café, holt bei Bibi im Laden Milch, später in der Bar trifft er die, die immer hier sind. Die hier sitzen und sich zum 1000. Mal die gleichen Geschichten erzählen.

Paulie freut sich, daß ihm überhaupt einer zuhört und seine Schwänke glaubt. Er ist mit Barbesitzerin Elaine zusammen, und die sagt nach Paulies Ode auf die rettende Liebe seiner Frau einen Satz, der nur im Englischen funktioniert und erst recht im Amerikanischen, weil man die Silben so herrlich dehnen kann: „I’m Not His Wife, He’s My Man!“ Bliebe Howard, der wirklich Sorgen hat und ein tränennahes Plädoyer für die Freundschaft zwischen Mann und (Land-)Schildkröte hält.

Als Luckys Routine einen Dämpfer, besser, Strauchler bekommt, hätte Debütregisseur John Carroll Lynch daraus einen dramatischen Wendepunkt basteln können. Doch Doc Kneedler hat für Lucky nur die schlichte Diagnose parat: „Du bist alt, mein Lieber! Und wirst jeden Tag älter.“ Es könnte einfach so weitergehen mit Yoga, Eiskaffee, Zigarettenqualm, ein paar Stößen auf der Mundharmonika und Bloody Mary im Glas. Doch der kauzige Denker Lucky kehrt in sich ein und rüstet auf. Für ein gesprochenes Geständnis. Für ein gesungenes Lied. Für eine Erinnerung. Für eine Kiste voller Heimchen.

LUCKY mutet an wie ein Bündel poetischer Momentaufnahmen, die Weisheit atmen und an der Schönheit des schlichten Lebens nippen. Ein zart melancholischer, wärmend komischer, karg betexteter Ruhepol inmitten all der Hackschnittware des Kinos ist es sowieso. Zwei Fragen stellten sich schon nach der frühen Kunde, daß es LUCKY geben würde: Was soll mit diesem Film passieren? Was soll schiefgehen? Fürwahr, nichts ist schiefgegangen mit diesem Film!

„I See A Darkness“, manifestiert Harry Dean Stanton schlafend, als würde er den Tod proben. Dazu erklingt eben dieses Duett von Johnny Cash und Will Oldham. Es ist kaum auszuhalten vor Rührung, auch im Wissen um Stantons echten Sterbetag am 15. September 2017. Diese Szene schickt uns noch mal dorthin, wo uns dieser große Mime in all den Jahrzehnten abzuholen pflegte. Nach PARIS und TEXAS und STRAIGHT in die ganze STORY sowieso.

[ Andreas Körner ]

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