Originaltitel: MARINA ABRAMOVIĆ: THE ARTIST IS PRESENT

USA 2012, 105 min
FSK 12
Verleih: NFP

Genre: Dokumentation, Biographie

Stab:
Regie: Matthew Akers
Kamera: Matthew Akers

Kinostart: 03.01.13

37 Bewertungen

Marina Abramović: The Artist Is Present

Wesentliches und Anwesentliches

Wer Abramović sagt, muß auch „Barbarin“ sagen, im internationalen Kunstbetrieb wahrgenommen als exotische Alternative zum Sammel-, Aufhäng- und Ausstellbaren, wie sich die Künstlerin neckisch, aber zu Recht beklagt. Nur der oft kolportierte joviale Markenname „Großmutter der Performance“ will einem nicht über die Lippen kommen. Denn die Serbin Marina Abramović, Bewohnerin eines erstaunlich intakten Körpers, der seit rund 40 Jahren als bevorzugtes künstlerisches Medium Augen, Schlägen und Schnitten ausgesetzt wird, hat so gar nichts von jener omahaften Kernseifengemütlichkeit.

Nach der Sprödheit und Angriffslust ihrer frühen Werke, den Wanderjahren mit dem Kunst- und zeitweiligen Lebenspartner Ulay, nach Flirts mit Theater- und Modewelt scheint sie angekommen zu sein – bei sich und im Kunstmarkt allemal. So stellt uns Matthew Akers die elegante und unprätentiöse Protagonistin seines Dokumentarfilmdebüts vor. Anlaß ihrer Begegnung, gleichzeitig der feste dramaturgische Boden dieses feinsinnigen Arbeitsporträts, ist die im Frühjahr 2010 im Museum Of Modern Art ausgerichtete Retrospektive. Eine der namhaftesten Vertreterinnen der Body-Art im wohl berühmtesten Streichelzoo für prä-, post- und metamoderne Tendenzen. Akers begleitet sie bei der kritischen Prüfung der Ausstellungskonzeption, beim Reenactment ihrer historisch gewordenen Arbeiten mit einer Schar junger Kollegen, sammelt Statements von Wegbegleitern. Auf der Oberfläche kräuselt sich Biographisches, Persönliches, Kunsthistorisches – nein, ein Faktenjäger ist Akers beileibe nicht. Aber er hat den ansteckenden Blick des Faszinierten, der sich in das versenkt, was Abramović wesentlich ist: das künstlerische Handeln. Die Live-Performance „The Artist Is Present“, bei der sie die Besucher von März bis Mai 2010 täglich sieben Stunden wort- und reglos auf einem Stuhl sitzend einlud, für einen Moment vor ihr Platz zu nehmen, wird zum pulsierenden Zentrum des Films. Ein strapaziöser Akt der Permapräsenz, formal reduziert und wirkmechanisch ausgeklügelt, bei dem Akers in Schuß-Gegenschuß-Sequenzen entlang an einer gedachten Dialogachse stumme Dramen, Komödien, ja sogar eine überwältigende Liebesgeschichte in Augenblicklänge einfängt.

Ganz nebenbei gelingt ihm damit eine kluge, ästhetisch lustvolle und mit der Künstlerin gereifte Grundlagenstudie über die Performancekunst, ihre Paradoxien, ihre Störkraft und ihr seltsam flüchtiges Wesen.

[ Sylvia Görke ]

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