Originaltitel: MEDITERRANEA

I/F/USA/D/Katar 2015, 111 min
FSK 12
Verleih: DCM

Genre: Drama, Polit, Schicksal

Darsteller: Koudous Seihon, Alassane Sy, Francesco Papasergio, Pio Amato

Stab:
Regie: Jonas Carpignano
Drehbuch: Jonas Carpignano

Kinostart: 15.10.15

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Mediterranea

Nachhaltigkeit in großer Ruhe

Aktueller als MEDITERRANEA vermag ein Spielfilm nicht zu sein – angesichts dessen, daß im medialen Sprachgebrauch die „Flüchtlingsfrage“ zur „Flüchtlingskrise“ herangewachsen ist, meinungstechnisch zwei Lager jeden Blick auf objektive Mitten verloren, sich „Gutmenschen“ oder „Nazis“ kaum mehr geordnet begegnen, und der Normalbürger selbsttätig zivilcouragiert hilft, wo die Anführerschaft überfragt mit den Achseln zuckt. Dabei konnte Regisseur und Autor Jonas Carpignano beim Dreh nicht wissen, welchen Rückhalt sein Werk urplötzlich bekommen würde, und vielleicht verzichtete er auch deswegen so wohltuend auf lärmende Zeigefingerattacken.

Carpignano begleitet zwei Männer auf dem Weg von Burkina Faso nach Italien. Ayiva ließ seine Tochter zurück, will sie irgendwann nachholen, genau wie Kumpel Abas hofft er auf ein besseres Leben. Doch der Traum zerplatzt sukzessive. Was Carpignano mit zermürbender Ruhe erzählt, in erdige Aufnahmen kleidet, angesichts derer man fast den heißen Wüstensand am eigenen Fuß fühlt, die Raum gewähren für nahezu nebenbei eingefangene Grausamkeiten: Ein Flüchtling wird erschossen, die anderen lassen ihn zwangsweise liegen, er wäre nur Ballast. Oder die Reise übers Mittelmeer: Zunächst glitzert trügerisch wunderschön die Sonne auf dessen Oberfläche, bis ein Sturm aufzieht. Nicht alle der zusammengepferchten Menschen sollen ihn überleben.

Fern jeder Larmoyanz bildet Carpignano ab, verzichtet großteils auf dramatische Zuspitzungen, brüskiert durch solch‘ ungewöhnlichen Ansatz sicher manche Erwartungshaltung und drosselt das Tempo teilweise zu deutlich, bringt allerdings gleichzeitig eine stille Nachhaltigkeit auf die Leinwand, welcher Respekt zu zollen ist.

Erst gegen Ende, im Zuge rassistisch motivierter Gewalt, bezieht er derart deutlich Position, wie es westliche Sehgewohnheiten wohl einfordern. Vorher spielt sich vieles im Verborgenen ab; etwa dann, wenn die beiden Freunde ihre Seelen an ausbeuterische Jobs verkaufen beziehungsweise zu illegalen Geschäften greifen müssen, die selbsternannte „Mama Afrika“ sie wie Kinder behandelt. Oder es bei Tisch einer zur italienischen Mittelschicht gehörenden Oma in zwei Sätzen gelingt, ihre Ambivalenz zu bündeln – erst heißt es wegschauend: „Diese Fernsehnachrichten sind nicht mehr zu ertragen!“ Und später, nachdenklich: „Ja, tun wir so, als ob nichts wäre ...“

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...