Originaltitel: MIN DÎT

D/Türkei 2009, 102 min
Verleih: mîtosfilm

Genre: Drama, Polit

Darsteller: Senay Orak, Muhammed Al, Hakan Karsak, Berîvan Ayaz, Suzan Ilir

Stab:
Regie: Miraz Bezar
Drehbuch: Miraz Bezar

Kinostart: 17.06.10

Noch keine Bewertung

Min Dît

Ein Film, der dann doch zu viel will

Die ersten Filmminuten skizzieren ganz hinreißend eine glückliche kurdische Familie, in der sich Mutter und Vater niedlich necken und ihren Nachwuchs liebevoll erziehen. Umso tiefer fährt dann der Schock ins Mark, als sie eines Nachts erschossen werden – vor den Augen der Kinder. Unvermittelt muß die gerade mal 10jährige Gülistan für ihren jüngeren Bruder Firat und die neugeborene Schwester sorgen. Zeit für Tränen bleibt da nicht, zumal es immer noch schlimmer kommt: Eine hilfreiche Nachbarin zieht weg, die Tante verschwindet spurlos, Mietschulden führen zur Obdachlosigkeit der Kinder, das Baby erkrankt ...

Ohne Gnade läßt der Film einen Schicksalsschlag nach dem nächsten auf Gülistan und Firat einschlagen, atemlos reihen sich entsprechende Szenen aneinander, was emotional kaum auszuhalten wäre, würde nicht irgendwann eine Zeit der Ruhe folgen: Die Geschwister lernen, dem bitteren Leben ins Auge zu sehen, erfahren sogar Freundschaft, schlagen aber auch verschiedene Wege ein. Während Gülistan nach Nähe sucht und sie bei einem Callgirl findet, gleitet Firat schleichend in die Kriminalität ab.

Weil es Regiedebütant Miraz Bezar aber scheinbar nicht genügt, es dabei zu belassen, seinen jungen Protagonisten zuzusehen, wie sie auf sich allein gestellt den Verlust verarbeiten, unterzieht er seine Handlung und Figuren nun massiven Konstruktionen, er baut ein fast an westliche Sehgewohnheiten erinnerndes Gerüst, welches nur dazu dient, das Finale vorzubereiten. Und genau hier gerät der eigentlich aufwühlende Film arg ins Straucheln, indem sich die bislang vorhandene Wucht in Zufällen und erzwungen scheinenden Begegnungen verliert. Was das bezwecken soll, bleibt sowieso offen: Genugtuung im Zuschauerraum? Spannung? Ein Plot-Äquivalent zum immer wieder auftauchenden Märchenmotiv des großen bösen Wolfs, welcher durch die Klugheit eines alten Mannes besiegt wird? Was auch immer, dieser Schlenker mag sich nicht so recht ins Bild fügen, wirkt aufgesetzt und überflüssig, eventuell sogar einfach simpel.

An der politischen Aussage oder haften bleibenden Bildern kann dies natürlich trotzdem nichts ändern. Man hätte sich aber mehr Mut zur erzählerischen Lücke gewünscht, wie sie eben auch am Schluß steht, wenn Gülistans und Firats Odyssee erst beginnt. Was sie erwartet, zeigt der Film nicht. Doch es wird ohne Zweifel ein Kampf sein.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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