D 2014, 89 min
FSK 0
Verleih: Piffl

Genre: Biographie, Dokumentation

Stab:
Regie: Andrea Roggon
Drehbuch: Andrea Roggon

Kinostart: 23.04.15

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Mülheim Texas

Es gibt Geist, Baby!

Man wußte nicht, was von ihm zu halten war, als Helge Schneider Anfang der 90er Jahre durch ein paar legendäre Film- und Fernsehauftritte vom Geheimtip zur Kultfigur aufstieg. Eine Rampensau ohne Mission, ein Pointen-Verweigerer mit Hang zu extravaganten Perücken, eine singende, klingende Nervensäge, die sich anhören konnte wie eine ganze Mariachi-Band. Oder ein Jazz-Gott. Oder eine gequälte Katze. Jedenfalls ward den Lachwütigen unter uns damals ein König geboren. Über welches Reich er herrscht, bleibt allerdings rätselhaft und bringt das Feuilleton, das sich in seiner Erheiterung ausnahmsweise sogar mit notorischen Nicht-Lesern einig ist, bis heute in Erklärungsnot.

Schneiders Humor sei „eigenwillig“, heißt es dort oft vorsichtig. Und Vorsicht ist geboten bei einem, der sich unter sämtlichen Etiketten wegduckt, vor Fragen nach dem Mann hinter den Masken sowieso. Die Dokumentarfilmerin Andrea Roggon konnte also ahnen, worauf sie sich einläßt: auf einen Protagonisten mit Weglauftendenz, der seiner designierten Porträtistin schmunzelnd beim Hinterherrennen zuschaut. Der niemals aus der Rolle fällt. Der sich das mit dem vereinbarten Gespräch anders überlegt und lieber Pommes in „Erikas Braterei“ essen will. Und der ohne jeden grüblerischen Anlauf Sachen sagt wie: „Die Freiheit hat man nicht einfach, die muß man sich nehmen.“ Spricht‘s, schlägt sich vom nächsten Interviewset seitlich in die Kulissen und läßt uns mit dem zurück, was ihm seit langem anhaftet: ein Intellektualismusverdacht. Kein Wunder, wurde er doch im Verlauf seiner Karriere zum Komplizen von Werner Nekes und zuletzt Alexander Kluge, wie ein paar dokumentarische Miniaturen belegen. Viel mehr Biographie is nich, och nee, laß’ ma.

Denn die Regisseurin bekommt Doc Snyder anders zu fassen – auf Umwegen durch den Mülheimer Autoverkehr, in den texanisierenden Papplandschaften und peinlichen Pausen seiner Filme, bei Proben und Bühnenshows, schließlich in einer Open-Air-Badewanne. Dort ist er Kapitän, Urvater, ja einziger Vertreter des Genres „Helge Schneider“ – und schnappt den Feuilletonisten auch noch die schönste Metapher für sein künstlerisches Credo vor der Nase weg: der „perfekt wackelige Tisch.“ Das hat sich Roggon zu Herzen genommen und das einzig mögliche Filmporträt daraus gemacht, nämlich ein perfekt wackeliges mit Schneider-Spirit, Aussetzern und Musik.

[ Sylvia Görke ]

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