Originaltitel: UNE HEURE DE TRANQUILLITÉ

F 2014, 79 min
FSK 0
Verleih: DCM

Genre: Komödie

Darsteller: Christian Clavier, Carole Bouquet, Valérie Bonneton, Rossy de Palma

Regie: Patrice Leconte

Kinostart: 16.04.15

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Nur eine Stunde Ruhe!

Kurzweilige und intelligente Nervensägerei

Kennen Sie den? Eine junge Mutter wünscht sich vom Weihnachtsmann ein echtes Einhorn. Der bittet sie, sich doch etwas Realistisches einfallen zu lassen. Sie: „Okay, jeden Tag eine Stunde Zeit für mich!“ Er: „Welche Farbe soll das Einhorn haben?“ Michel ist zwar keine junge Mutter, noch nicht mal mehr ein junger Vater, aber er kämpft die gesamte Zeit, die Patrice Leconte den Zuschauer mit ihm verbringen läßt, darum, für die Länge einer Schallplatte ungestört zu sein. Was ihm nicht gelingt. Dabei hat er die Platte auf dem Flohmarkt gefunden, von der Jazzlegende.

Ganz typisch französische Komödie wird nun fast ununterbrochen geredet. Es tauchen Patienten aus Michels Zahnarztpraxis auf sowie Nachbarn, seine Geliebte, der rebellierende Sohn nebst einer philippinischen Familie, die er gerade auf dem Dachboden einquartiert hat, dazu die depressive Ehefrau, ohrenbetäubende Handwerker. Und schließlich erfolgt auch noch eine Beichte, die Michels Ruhe endgültig zum Wanken bringt. Dazwischen ruft immer wieder mal seine Mutter an.

Christian Clavier, der schon als Monsieur Claude gekonnt bourgeois rüpelte, wimmelt sie als Michel auch alle ab, mehr oder weniger charmant. Er hat keinerlei Nerv, sich auf ihre Probleme einzulassen. Leconte läßt ihn geschickterweise trotzdem nicht als egozentrischen Soziopathen erscheinen. Das wäre auch zu einfach – ein Ekel, reich, gestreßt von der Welt, am Ende Gutmensch? Nein, das schlichte Grundbedürfnis Michels, einfach mal für sich zu sein, sich „Me, Myself And I“ zu widmen, so der Titel seines Fundstücks, ist mehr als verständlich. Die Anhäufung der Menschen, Verwirrungen und Verpflichtungen im Leben des Helden sind zwar Überhöhungen, ja fast Klischees, aber Leconte beobachtet im Detail, verwebt Nebenstränge kurzweilig und intelligent und arbeitet damit auch die Essenz unserer nicht enden wollenden Listen mit Verabredungen, Telefonaten und E-Mails heraus. Entschleunigen und Achtsamkeit sind mittlerweile Trendwörter und beinhalten per se etwas Egoistisches, wenn man sie auf unsere Zeit münzt, denn immer ist der Kampf um eben jene Zeit als wichtigste Ressource enthalten – ein Paradox.

Also schlawinern wir uns durch wie Michel und hoffen auf die eine Stunde Ruhe, die, so viel sei verraten, am Ende für Michel kommt. Und obwohl die Platte springt, wird es einer dieser Momente sein, die er nie mehr vergessen wird.

[ Susanne Schulz ]

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