Originaltitel: ONLY GOD FORGIVES

USA/F/DK 2013, 90 min
FSK 16
Verleih: Tiberius

Genre: Thriller, Drama

Darsteller: Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm, Tom Burke

Stab:
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn

Kinostart: 18.07.13

16 Bewertungen

Only God Forgives

Trance von scheußlicher Schönheit

„Was ist das für eine Scheiße mit Hollywood? Du darfst Dir deine Vision nicht zerstören lassen. Wenn Du nicht echt bleibst, mag ich Dich nicht mehr!“ Mit diesen Worten habe der alte Regieexzentriker Alejandro Jodorowsky (EL TOPO, SANTA SANGRE) den ihn bewundernden Kollegen Nicolas Winding Refn mal die Meinung gegeigt. Nicht, daß Refns erste Hollywood-Arbeit DRIVE von zerstörten Visionen kündet, oder davon, daß er sich verbog, nicht mehr echt blieb, in der Art was und wie er erzählt. Aber man weiß es ja: Hollywood ist gefährlich für Individualität. Für Visionen, die nicht marktkompatibel sind.

So wie die, von denen jetzt Refns ONLY GOD FORGIVES getränkt ist. Ein Film, mit Hollywoodstars aber ohne Hollywoodgeld. Eine Trance, abscheulich schön. Ein Delirium, mit Szenen, deren Gewalttätigkeiten sich bis zur Grenze der Erträglichkeit steigern. Morbide, pathologisch, brutal. Und all das, ohne je über dieses Gleichmaß eines ruhig fließenden Midtempos hinaus zu beschleunigen. Der Puls mag rasen, ob dessen was man sieht; die Bilder aber, bleiben ruhig in ihrem Fluß. Refn muß sich keine Sorgen machen: Jodorowsky dürfte ihn noch mögen.

In Bangkok betreibt der Amerikaner Julian gemeinsam mit seinem Bruder Billy einen Kickbox-Club, der zugleich Geschäftszentrum für deren illegale Aktivitäten ist. Die laufen hervorragend – bis der psychotische Billy brutal eine junge Prostituierte tötet, was den geheimnisvollen Ex-Polizisten Chang auf den Plan ruft. Ein Todesengel mit dem Gesicht des Teufels. Bald liegt Billy in seinem Blut.

Ein Film noir in tropisch schwüler Nacht. Angesiedelt in einer Welt, die streng patriarchalisch von Männern dominiert ist. Könnte man meinen. Bis Crystal aus London erscheint. Julians und Billys Mutter – und Kopf des weitverzweigten Familienkartells. Eine Ausgeburt männlicher Alpträume vom rachedurstigen Matriarchat. Die gibt Kristin Scott Thomas in eisigkalter Schrillheit und als Zerrspiegelbild zu Vithaya Pansringarm als Chang. Beide: ein fataler Dualismus des Diabolischen. Was dazwischen liegt, wird ausgemerzt, zerstört, deformiert. Im übertragenen und wörtlichen Sinne. Gilt auch für das schöne Gesicht Ryan Goslings (Julian). Furchtbar entstellt blickt das irgendwann in die Kamera. Ein Schmerzensmann, dem Refn dann noch eine Szene gibt, über die man sich entsetzen oder den Kopf schütteln kann, die dabei aber vor allem eins ist: das konsequente Finale einer Vision sehr eigentümlichen Kinos.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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