D/F 2020, 129 min
Verleih: Real Fiction

Genre: Dokumentation, Biographie

Regie: Ulrike Ottinger

Kinostart: 05.03.20

1 Bewertung

Paris Calligrammes

Ich such’ die Isetta

Das Ein-Euro-Stück fürs Phrasenschwein liegt schon bereit, aber nach dem Sichten dieser 130 Minuten geht es einfach nicht anders. Der Satz „PARIS CALLIGRAMMES ist für Paris-Fans ein Muß“ schreibt sich wie von selbst. Den unoriginellen Unterton nimmt man willig in Kauf. Den Euro auch. Bezahlt! Kümmern wir uns nun um das Werk, und eines sei vorab schon versprochen: Fürwahr, es ist ein Werk!

Für Pop-Art-Künstlerin Ulrike Ottinger, mithin 77jährig, sind Fotografien und Filme essentieller Bestandteil ihres Œuvres. Phantasievolles Kunstkino und ethnographische Dokumentationen prägen ihr weltweit anerkanntes Schaffen, vor Länge hatte Ottinger dabei nie Scheu. Vor Gelassenheit im Erzählen ebenso nicht. PARIS CALLIGRAMMES bringt das alles jetzt in eine fließende Komposition, erweitert um einen streng individualisierten Ansatz. Aus der Perspektive „einer sehr jungen Künstlerin, an die ich mich erinnere, mit der Erfahrung einer älteren Künstlerin, die ich heute bin“ entstand dieser aufwendig gesammelte und montierte Essay. Ottinger kommentiert selbst, in der Ruhe ihrer Stimme liegt die Kraft.

Sie war 20, als sie sich in Konstanz in ihr winziges Rollermobil, Marke Isetta, setzte und nach Paris aufbrach, wo ihre Augen „weiter und weiter, größer und größer“ wurden. Für sieben Jahre wird dort Ottingers Lebens- und Schaffensmittelpunkt sein. In zehn Kapiteln reflektiert sie darüber. Ausgangspunkt ist der kleine Buchladen von Fritz Picard, die Librairie Calligrammes, wo die Lust auf Kunst regiert und in Ottinger Neugier freisetzt. Eine Neugier, die bald in Begegnungen mit namhaften und inspirierenden Künstlerinnen und Künstlern mündet. Im Atelier von Johnny Friedlaender erlernt sie das Handwerk der Radierung, erlebt das Trauma des Algerienkrieges hautnah, experimentiert mit Techniken und Freunden, hört Jazz und Chansons in den Kellern der Metropole, setzt sich mit französischer Kolonialgeschichte auseinander, erlebt die nächste Blüte von Montparnasse, sieht, wie sich das Kino befreit und, über den Dächern von Paris, wie die nahe Sorbonne in den 68ern den Studentenrevolten erliegt.

PARIS CALLIGRAMMES ist ein genüßlich mäandernder Fluß aus heutigen und vor allem alten Stand- und Bewegtbildern sowie Klängen. Ottinger war Zeugin einer berauschenden Zeit, mittendrin und sensibilisiert. Aus der persönlichen erwächst Zeitgeschichte und daraus – das Muß.

[ Andreas Körner ]

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