Originaltitel: PILLION
GB/Irland 2025, 106 min
FSK 16
Verleih: Weltkino
Genre: Drama, Liebe, Schwul-Lesbisch
Darsteller: Harry Melling, Alexander Skarsgård, Douglas Hodge, Lesley Sharp
Regie: Harry Lighton
Kinostart: 26.03.26
Als Barbershop-Stil bezeichnet man eine Form homophonen A-capella-Gesangs, der traditionell vor allem von Quartetten dargeboten wird. Und das ebenso traditionell nach Geschlechtern getrennt. Im Namen der sogenannten „Close Harmony“, bei der sich innerhalb einer Oktave die Stimmen wie schwingend umgarnen und aneinanderschmiegen. In der Männervariante gelten etwa die King’s Singers oder Comedian Harmonists als Barbershop-Großmeister. Und wem das jetzt zu altbacken ist, der ist bei „Caravan Of Love“ von The Housemartins richtig für einen Höreindruck.
Ein Song, den das reizende, aber dann eben auch etwas altbackene Barbershop-Quartett in PILLION leider nicht singt. Dabei würde er recht gut passen zu dieser Liebesgeschichte, die Regisseur Harry Lighton in seinem Kinodebüt erzählt: Colin heißt hier der Nichtheld; ein so scheuer wie freundlicher Wuschellockenkopf, der auch mit Anfang 30 noch bei seinen Eltern wohnt. Der nie flügge wurde, weil er es nie richtig wagte, die Flügel zu spreizen. Der als männliche Politesse alle Beleidigungen, die der Job mit sich bringt, in Ergebenheit erträgt. Der sich, wenn auch nicht gleich minderwertig, so doch auch nie richtig vollwertig fühlt. Also ausgenommen vielleicht in jenen Momenten, in denen er als Mitglied eines Barbershop-Quartetts singend durch die Pubs im Londoner Vorort Bromley tingelt. Da öffnet er sanft die Flügel, der sanfte Colin. Und trifft dabei eines Abends auf einen Mann, der ihm bald einige Höhenflüge bescheren wird.
Schon, weil dieser Typ ein Prachtexemplar von Kerl ist. Nein, mehr Maskulinität geht echt nicht. Mehr Selbstbewußtsein auch nicht. Ray heißt diese Ballung an Charisma und Sexappeal, vor der Colin bald auf die Knie geht. Im übertragenen wie auch ganz konkreten Wortsinne. Und ganz so, als wäre es das Natürlichste der Welt. In dieser Natürlichkeit nun lauert ein hübscher kleiner Provokationsstachel. Beobachtet
PILLION in Folge doch nicht einfach „nur“ eine schwule Romanze, eine Liebes-Tragikomödie unter Männern, sondern vielmehr eine Beziehung, die gezielt auf Dominanz und Unterwerfung ausgerichtet ist; die auf der Mechanik, den Codes und den Ritualen der Selbsterhöhung und (Selbst-)Demütigung basiert. Und auf der einvernehmlichen Lust natürlich, die derlei bereiten kann.
Biker-Aficionados wissen sicher, daß man als „Pillion“ den Mitfahrer, den Sozius auf dem Motorrad bezeichnet. In der BDSM-Szene wiederum steht das Wort für den devoten Part in einer einschlägigen Beziehung. Colin ist bald beides. Denn ehe er sich recht versieht, macht Ray ihn zu seinem ganz persönlichen Pillion. Im intimen Umgang zu zweit, aber auch in der illustren Biker-Clique, die gern mal als schwule
Sado-Maso-Caravan-Of-Love über die Straßen brettert, ihre sexuellen Neigungen auslebt, den Zusammenhalt pflegt. Alles Dinge, die Colin schönste Höhenflüge verschaffen. Beginnt der doch, unter Rays Fittichen mehr und mehr die eigenen Flügel zu öffnen – und zunehmend selbstbewußt Nähe einzufordern. Nur wird genau das zum Problem für Ray. Den Höhenflügen droht ein schmerzlicher Absturz.
Es ist schon bemerkenswert, wie unaufgeregt PILLION nicht nur diese Liebesgeschichte erzählt, sondern auch das für sie spezifisch Sexuelle in Szene zu setzen weiß. Durchaus explizit, aber nie gespreizt. Um auch hier noch einmal das ja schnell etwas heikle Wort zu verwenden: Es ist diese Natürlichkeit, oder sagen wir besser die gelungene Anmutung einer solchen, mit der
PILLION besticht. Nichts und niemand wird hier stilisiert. Nichts und niemand beurteilt und dabei herauf- oder herabgesetzt. Jeder ist hier einfach so, wie er ist, und darf es auch sein. Und das ist eine wirklich seltene Wohltat, gerade heutzutage. Denn dieser Film will nichts beweisen und schon gar nichts postulieren, sondern einfach hinschauen.
Dank dieser vorbehaltlosen Zuneigung für seine Figuren (einer Zuneigung, die die notwendige Prise ironischer Distanz nicht ausschließt) vermag es PILLION innerhalb einer klar komponierten, schnörkellosen erzählerischen Oktave, die Emotionsakkorde gleichsam maximal zum Schwingen zu bringen.
[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.
Passage Kinos: 18:15, 20:30 (OmU)
Passage Kinos: 18:15, 20:30 (OmU)
Passage Kinos: 18:15, 21:00 (OmU)
Passage Kinos: 18:15, 20:30 (OmU)
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