CH 2020, 100 min
Verleih: Alpenrepublik

Genre: Drama, Literaturverfilmung

Darsteller: Luna Mwezi, Sarah Spale, Anouk Petri, Delio Malär, Jerry Hoffmann

Regie: Pierre Monnard

Kinostart: 03.12.20

Platzspitzbaby

Eine Mutter zerbricht ihr Kind

Der Schweizer Film gilt nicht viel im eigenen Land, Sarah Spale hingegen wurde durch „Wilder“ zur Schauspielerin der Stunde geadelt. Es lag also wenig näher, als die taumelnde Schräglage des einen mit der anderen zu stabilisieren. Kein nur netter, sondern ein atemraubend verzweifelter Versuch.

Jene Verzweiflung dringt Spales Rollenporträt, der drogenabhängigen Sandrine, aus jeder Pore, sie lodert in jedem flackernden Blick, begleitet jede fahrige Geste. Die Aktrice verschwindet im gebrochenen Charakter, gnadenlos ihn und sich selbst vermengend, ungesund ausgezehrt, verwahrlost, am Ende, ein Menschenwrack; mühsam zumindest auf Schlingerkurs gehalten von Tochter Mia. Elf Jahre jung, aber natürlich bereits zwangserwachsen, und erneut wäre keine bessere Darstellerin denkbar als Luna Mwezi, zart und energisch, zerbrechlich und stahlhart. Mwezi und Spale: mehr bräuchte es eigentlich nicht, und trotzdem verläßt sich Regisseur Pierre Monnard nie auf seine sicheren Bänke, wuchert mit weiteren Pfunden besonderer Art, schaut ohne (z)erklärte Emotionen, Hinzufügung, Belehrung schlicht diesem unablässigen Kampf zu, voller figurenzeichnender Ambivalenz.

Es gibt da unbeschwerte Momente, wir zwei gegen den Rest der Welt, fröhlich, gelöst – bis Sandrine Mia zum Ladendiebstahl mißbraucht. Irgendwann sagt die vermutlich gutwillige, indes komplett überforderte Sozialarbeiterin zu Mia einen Satz, welcher zur Vernachlässigung und Körperverletzung taugt: „Du bist unser bestes Mittel, ihr zu helfen!“ Und schaffen Rubbellose es nicht, das erträumte Inselleben zu finanzieren, kann das Mädchen doch bloß weinen. Manchmal brüllt es sowieso einfach gequält.

Wie soll ein Kind auch solchen Druck ertragen?! Zumal, wenn es alltägliche Herausforderungen für Heranwachsende bewältigen muß, darunter Abwehr der versnobten Klassenzicke, schwierige Selbstfindung, vielleicht sogar erste schüchterne Flirts. Im eh schon aller Jugendlichkeit feindlich gesinnten Kuhkaff geben Mias Freunde Halt, eine verschworene Gemeinschaft, die sich wegphantasiert – und immer wieder auf dem harten Realitätsboden aufschlägt. Vor die Wahl gestellt, entscheidet Mia dennoch, bei Sandrine zu bleiben, schließlich sie ist ja ihre Mutter … Ein schier herzzerreißender Schrei nach Liebe.

Und ja, obiger Plan ging auf, über 300.000 Zuschauer verhalfen PLATZSPITZBABY zum Erfolg. Hochverdient.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...