Originaltitel: RATCATCHER

GB 1999, 93 min
Verleih: Kairos

Genre: Drama, Erwachsenwerden

Darsteller: William Eadie, Tommy Flanagan, Mandy Mathews

Regie: Lynne Ramsay

Kinostart: 08.03.01

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Ratcatcher

Preisgekrönte, feinsinnige Kindheitselegie

Angeblich sollen Pathologen die wahren Ästheten unter den Medizinern sein. Es gilt nichts mehr zu retten. Schönheit läßt sich nur durch äußerste Distanz und präzises Sezieren rekonstruieren.

Glasgow in den 70ern. Vom Viertel der untersten Sozialschicht führt kein Fahrstuhl nach oben. Auch nicht in jenes Wohnklo, in dem sich der zwölfjährige James einen Schlafraum mit seinen Eltern und Geschwistern teilt. Nicht Bäume, Müllberge wachsen zwischen der schäbigen Architektur. Und wie der Müll sind auch die Kinder sich selbst überlassen. James kennt keinen anderen Alltag als den, der den Eltern selbstverständlich geworden ist: Arbeitslosigkeit-Armut-Alkohol. Die Akzeptanz dieser Dinge hat sie zu Scheintoten werden lassen. James lernt mühsam, seine Schätze in sich zu vergraben. Denn für Lebendigkeit und Sensibilität wird sich auch in der ortsansässigen Jugendgang kein Abnehmer finden. Daß Kindheiten selten sehr glücklich sind, ahnten vereinzelt schon Psychologen. RATCATCHER nun erfaßt genau die Grenze, an der ein Kind gezwungen wird, sein Staunen abzulegen, innerlich "dichtzumachen", um sich für eine Umgebung zu immunisieren, für die es keine Verantwortung trägt. Nicht die Frage, ob es ein Leben vor dem Tod gibt, stellt sich hier, sondern wieviel an Tod ein Kind vor seinem eigentlichen Leben verkraftet. Denn zu dem komatösen Zustand des kaum idyllisch zu nennenden Ortes gesellt sich der reale Tod eines Spielgefährten. James blieb als einziger Zeuge zurück. Niemand ahnt, welche Schuldgefühle ihn überfordern...

Daß die junge Schottin Lynne Ramsay nach ihrem Fotografiestudium ins Fach Regie wechselte, erwies sich als Glücksfall. Welch ein Gesicht lieh sie sich in ihrem großartigen Laiendarsteller, der den kleinen James spielt! Ein Gesicht, an dem zwei riesige Ohren befestigt sind und das die verletzte Sanftheit eines Kafka ausstrahlt. Das stilsichere Filmdebüt mied tunlichst jeden Anflug von Larmoyanz. Nicht effektheischende, rührselige Szenen bebildern die Dreckecken im Königreich. Vielmehr der aufmerksame pathologische Blick führt zu schnörkelloser Eleganz und läßt ein Frösteln entstehen. Das ist so schauerlich-schön wie ein Bennsches Gedicht.

[ Angela Rändel ]

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