Originaltitel: E’ADAT KHALQ

Jordanien/Niederlande/D/CH/USA 2008, 82 min
Verleih: mec

Genre: Drama

Regie: Mahmoud al Massad

Kinostart: 04.12.08

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Recycle

Innenansichten aus der Heimat Sarkawis

Mahmoud al Massad ist als Sohn palästinensischer Eltern in Jordanien aufgewachsen. Nach acht Jahren im Ausland kehrt er in seine Heimatstadt Zarqua zurück, um sich auf die Suche nach Geschichten und Menschen jenseits der medial vermittelten "War-On-Terror"-Nachrichten zu begeben, die spätestens seit dem Tod von Abu Musa al Sarkawi das Bild von Zarqua bestimmen. Auf Sarkawi, der ebenfalls in der zweitgrößten Stadt Jordaniens geboren wurde, trifft man in Zarqua auf Schritt und Tritt. Jeder kannte den 2005 von US-Truppen getöteten Al Quaeda-Führer. Noch heute lebt seine Familie hier und immer noch gilt Zarqua als Rekrutierungsort für den Dschihad.

Massad begeht aber nicht den Fehler, in seinem Dokumentarfilm die Geschichte des islamischen Fundamentalismus aufzuarbeiten. Er bezieht auch keine Stellung, baut keine Gegenbilder auf. Vielmehr begleitet er mit anteilnehmender Kameraführung - der Film gewann den Preis für die beste Cinematographie auf dem Sundance Festival in der Kategorie World Cinema - den Alltag von Abu Ammar. Der Ex-Dschihadist, der aus Afghanistan zurückgekehrt ist, sammelt jeden Tag mit seinen Söhnen Kartons von der Straße, die er verkaufen kann, um so seine Familie irgendwie durchzubringen. Nachts schreibt er an einem Buch über den Dschihad. Aus säckeweise gestapelten winzigen Notizzetteln soll eines Tages ein umfassendes Werk entstehen. Der bärtige Mann wirkt aus "westlicher" Sicht wie das perfekte Abbild eines Terroristen. Doch ist er auch einer? Oder sind es nicht eventuell die Umstände wie Arbeitslosigkeit und Armut, die Männer wie Ammar radikalisieren? Und ist das nicht ein weltweites Phänomen?

Mahmoud al Massad nimmt Momente und Gespräche auf und gibt so die Stimmung in einem der ärmsten Stadtviertel von Zarqua wieder. Männer sitzen bei Tee und philosophieren über Politik, Ammars kleiner Sohn darf das Auto ganz alleine lenken, und der Handel mit Kamelmilch wird zur Stilblüte. Achtsam und mit leisem Humor zeigt Massad Einblicke in eine Welt, die unsereins verschlossen wäre - denn eines ist klar: Der Regisseur gewinnt Zutritt, weil er ein Einheimischer ist, jemand, dem man trauen kann. Er mißbraucht dieses Vertrauen nicht, sondern schafft mit seinem Film wohltuende Verunsicherung, scheint die westliche Welt doch seine eigene kriegerische Geschichte im Angesicht der viel beschworenen terroristischen Bedrohung gerne zu vergessen und tut so, als wäre sie schon immer ein Hort der Demokratie.

[ Susanne Schulz ]

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