D 2018, 100 min
FSK 6
Verleih: StudioCanal

Genre: Roadmovie, Drama, Erwachsenwerden

Darsteller: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Moritz Bleibtreu, Ben Chaplin

Regie: Sebastian Schippe

Kinostart: 30.05.19

5 Bewertungen

Roads

18 sein

Es ist eine Crux, wenn man im Vorfeld des Sichtens zu viel weiß oder kolportiert bekommt. Das tat bislang noch den wenigsten Filmen wirklich gut. Einfach reingehen und ansehen, danach sacken lassen und schauen, was er mit einem anzustellen vermag. Rein taktisch bleibt dies die beste Art, sich wirklich überraschen zu lassen. Oder in den Erwartungen zu bestätigen.

Sebastian Schipper als Regisseur – er arbeitet ja auch als Schauspieler – rechtfertigt jede Vorfreude auf ansprechendes Unterhaltungskino. In wohl überlegten Abständen kommen seine Werke heraus, ein schlechtes war bislang noch nicht dabei. Anders sogar: Schippers ABSOLUTE GIGANTEN stach als einer der besten deutschen Cliquenfilme überhaupt hervor, von VICTORIA und der einzigen Einstellung über zwei Stunden, mit der er gedreht wurde, sprachen selbst jene in hohen Tönen, die bis dato gar nicht wußten, was eine einzige Einstellung meint.

ROADS „geistert“ schon einige Zeit herum. Es hieß, er sei auf Festivals abgelehnt worden und von umfangreichen Nacharbeiten und ewigen Verschiebungen des deutschen Starts gebeutelt. Na und? Schaden hat er keinen genommen. ROADS ist doch ein sehr ansehnlicher Straßenfilm. Er stimmt, zieht durch, macht Spaß, besitzt Relevanz und offeriert beste Jungschauspieler. Für die halbe Miete ist das fast zu viel.

Sie sind schon länger 18 oder gerade erst geworden. In Marokko lernen sich der Engländer Gyllen und der Kongolese William kennen. Sie sind auf der Flucht, für beide ist die Familie der Grund, abwesende und anwesende Mitglieder inklusive. William sucht seinen Bruder, der es irgendwie schon bis Frankreich geschafft hat, Gyllen türmt mit dem geklauten Wohnmobil des Stiefvaters vor einem anscheinend gräßlichen Urlaub. Mehr ist da nicht zu sagen. 18jährige ticken manchmal so, und sie tun, was sie tun müssen.

Fähre, Straßen, Strände, Wege, Umwege – Tanger, Spanien, Calais, ein Sich-Näherkommen und Sich-Verlieren. Für die Jungs gibt es Begegnungen obskurer und berührender Art. Natürlich ist bereits die erste von besonderem Kaliber, denn beim Sprung von Afrika nach Europa brauchen Gyllen und William Schützenhilfe und glauben, sie ausgerechnet von einem hippiesk-verbeulten Moritz Bleibtreu alias Luttger beziehen zu können. Für Woodstock kommt dieser Typ wirklich 50 Jahre zu spät.

Emotional wird es, als Gyllen unterwegs seinen leiblichen Vater trifft, der immer noch denkt, man könne reisende 18jährige Söhne mit Regularien aufhalten. Grenzwertig wird es, als Gyllen an einem Imbiß die Provokation der dort versammelten Franzosen 1:1 annimmt. Doch Sebastian Schipper findet schnell zurück zu seinem Ton für ROADS. Was dann in Calais in Flüchtlingscamps und Hilfseinrichtungen zu sehen ist, widmet sich gottlob nur dem Zeigen, nicht Kommentieren. Schipper sieht also die Fettnäpfchen hinter seinen Figuren und umschifft sie. ROADS ist keine plakative Erzählung einer Flüchtlingsreise, es ist – wieder – die Geschichte einer Freundschaft. Zeitgenössisch. Punkt.

Die schönste Szene? Gyllen und William umarmen sich mindestens 20 Sekunden lang, erst danach würden sich Endorphine freisetzen, heißt es. Sie tun es länger und länger und es erinnert an den Moment mit der Platte aus ABSOLUTE GIGANTEN, die an der Lieblingsstelle einfach springen und bitte nicht aufhören soll.

[ Andreas Körner ]

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