Originaltitel: SIBERIA

I/D/Mexiko 2019, 92 min
FSK 12
Verleih: Port-au-Prince

Genre: Drama

Darsteller: Willem Dafoe

Regie: Abel Ferrara

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Siberia

Sinnsuche mit sprechenden Fischen

Was bliebe von diesem Film, wenn es diese Landschaften nicht gäbe? Diese bildgewaltigen Wechselsprünge von Tundra, Taiga und Wüste, dieses Sattgrün, Rindenbraun und Gletscherweiß? Was bliebe von diesem Film, wenn einen nicht diese brachialen Brüche zwischen Bärenattacke und Vielweiberei immer wieder vom Wegnicken abhielten? Und was, vor allem, bliebe von diesem Film, wenn nicht einer wie Willem Dafoe den so wenig greifbaren, fern jeder halbwegs klaren Motivik und Ratio agierenden Einsiedler Clint geben würde?

Dafoe ist vermutlich der einzige Schauspieler, der dieser so rauschhaft skizzierten und trotzdem konturlos bleibenden Figur letztlich einen Hauch Würde zu verleihen weiß. Doch wer ist dieser Clint, der eben noch eine Kneipe ohne nennenswerte Gäste betrieb, von einer Babuschka mit bald barbusiger, hochschwangerer Tochter vor dem Tresen mal abgesehen, um schon bald auf Schlittenfahrt zu gehen, all die Huskies vorgespannt, vor denen sich Clint als kleiner Junge doch so fürchtete? Ein Aufbruch, um flugs in seltsamer Höhlenlandschaft seinem längst verstorbenen Vater zu begegnen, dicken nackten Weibern ebenso. Es bleibt rätselhaft, und einzig, weil man weiß, daß die junge nackte Dame an der Theke die Frau des Regisseurs Abel Ferrara ist, dieser wiederum bekanntermaßen nachbarschaftlich befreundet mit Dafoe ist, weshalb der wohl auch bald an den Nippeln der Schwangeren nuckeln darf, nur deswegen ahnt man, daß der einstige unbequeme und jetzt vollends wildgewordene Ferrara wohl auf der filmischen Suche nach sich selbst zu sein scheint.

Wohlwollende würden SIBERIA als Fiebertraum bezeichnen, als Film gewordenes Halluzinogen, kritischere Geister fragen sich, ob man da unbedingt mitreisen, sich in kaum passend zusammengeschusterte Szenen zu Beduinenvölkern und bei Metal-Geschrammel saufenden Russenkindern gesellen und kurz vor Schluß gar toten Fischen beim Nietzsche-Rezitieren zuhören muß? Nein, für all das besteht beileibe keine Notwendigkeit, gäbe es da nicht diese eine Szene, die dem Film das Bleierne, das Theoretische, das Gestelzte nimmt, als Clint/Dafoe eine alte Scheibe von Del Shannons „Runaway“ auflegt und dazu tanzt wie einer, der sich aufs heftigste nach Sonne sehnt.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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