D 2013, 97 min
FSK 16
Verleih: Bildkraft

Genre: Drama, Liebe

Darsteller: Lina Wendel, Thorsten Merten, Harald Polzin

Regie: Nico Sommer

Kinostart: 17.10.13

2 Bewertungen

Silvi

Je t’aime – wer mich auch?

„Das Kammkotelett sah doch wirklich lecker aus.“ Was soll nur aus einem Film werden, der mit solch einem Satz beginnt? Ein Essay über Fleisch? Eine Analyse des Herzhaften? Ein Sozioporno, der auch SILVI – HEISSE RIPPCHEN IM HERBST DES LEBENS hätte heißen können? Nico Sommers erster Langspielfilm ist auf seine Weise von alldem etwas. Zuallererst aber ist er das fiktive Porträt einer Berlinerin, die sich nach 20 Jahren Ehe im nicht mehr ganz neuen Familienauto vom nicht mehr ganz neuen Angetrauten sagen lassen muß, wie unerträglich uninteressant sie sich ihm gemacht habe mit ihren Falten und Koteletts. Sagt’s und steigt aus – aus dem Auto und aus Silvis Leben.

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne, weiß der Schlaumeier. In diesem Film aber bekommt man eine Ahnung davon, wie absurd und ernüchternd solche Anfänge ausfallen können, und daß dazu nichts so gut paßt wie die Schlager von Gitte Haenning – wenn man auf die 50 zugeht, anläßlich eines Koteletts verlassen wurde und erst noch lernen muß, von der „besseren Hälfte“ wieder zur Frau zu werden. Das ist Silvis neues großes Projekt, und sie geht es pragmatisch, nämlich mit einer Bekanntschaftsanzeige an. Die beschert ihr einen Uwe, Busfahrer und Schnellficker, dann einen Juan, der mit Silvi allerhand ausprobieren will und das mit der Peitsche und dem Latexanzug schon mal vorbereitet hat, und schließlich einen Thomas, der sich ihr mit Haut, Haus und Kindern zu Füßen wirft und nur ganz bescheidene Wünsche äußert, etwa im Kleiderschrank eingesperrt werden zu wollen.

Die weißen Pferde bleiben im Stall, die Prinzen suchen nicht nach einer Prinzessin, sondern nach funktionalen Projektionsflächen. Der Traum aber bleibt, hartnäckig, von diesen zwei Hälften, die das eine oder andere erst ganz machen – über jeden Couchtisch hinweg, um jede Sitzecke herum. Daß so ein nicht immer schmeichelhafter, aber erhellender, ja sogar wolkig-erheiternder Blick auf die Welt zugleich nackig machen und anziehen kann, war bisher vor allem von Andreas Dresen zu lernen. Jetzt kommt ein Sommer, zarte Um-die-Dreißig, und zeigt, daß Dresens Normalitätsextremismus mehr als ein „Ostding“, mehr als eine filmhistorische Episode ist. Eine Schule des Sehens – mit dokumentarischen, fiktionalen, improvisierten, geschenkten und geborgten, ach mit allen Mitteln, die man in die Hände bekommen kann.

Und es ist unbegreiflich, daß sich eine Normalitätsvirtuosin wie die Schauspielerin Lina Wendel so lange vor diesem Suchlicht zu verstecken vermochte. Ertappt!

[ Sylvia Görke ]

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