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Söhne

Geschichte einer vergessenen Generation

Seinen neuen Film, soeben ausgezeichnet mit dem Hauptpreis des Dokumentarfilmfestivals in Nyon, hat Volker Koepp (zuletzt SCHATTENLAND - REISE NACH MASUREN) einer exemplarischen deutsch-polnischen Familiengeschichte gewidmet. Im Kern erzählt diese von einer vergessenen Generation, von den Kriegskindern in Polen und Deutschland.

Die Erzählung beginnt im Schatten einer Eßkastanie, unter der sich fünf Männer zusammengefunden haben, verschiedenen Alters, doch jeder mit schon schütterem oder grauem Haar. Die Älteren kennen den Baum aus ihrer Kindheit, die etwas Jüngeren lauschen den frühen Erinnerungen. Um den Stamm des Baumes zu umfassen, braucht es nun - mehr als sechzig Jahre sind vergangen - die Spannweite von fünf Armpaaren, die Anwesenheit und das Hand in Hand von fünf Brüdern.

Es ist dies die symbolische Eingangsszene, von der aus Koepp das wechselvolle Schicksal der ehemals in Westpreußen angesiedelten Familie Paetzold in Augenschein nimmt. Dabei ist es, als würde er in einer Chronik blättern und eben nicht Zeile um Zeile vorwärts lesen, sondern vielmehr hier ein Kapitel und dort einen Absatz. Zwischen Deutschland und Polen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart bewegt er sich auf die Weise. Und zwischen fünf Brüdern, deren Mutter nur vier Söhne geboren hat, aber fünf Kinder ihre eigenen nannte.

In den Interviews mit Klaus, Wolf, Friedrich und mit den zwei Männern, die eine zeitlang beide Rainer hießen, taucht der Regisseur in Biographien ein, sammelt Kindheitserinnerungen und Erfahrungen, Individuelles und Gemeinsames. Im Fortlauf des Filmes entsteht, allein durch die Erzählungen der Söhne, zugleich ein Porträt der Mutter. Überaus sparsam ist Koepps Umgang mit familiären Erinnerungsfotos, deutlich sein Verzicht auf Archivmaterial. Seine Bilder, sorgsam in Szene gesetzt, gelten der Gegenwart und suchen auch die Verbindung zur nächst nachfolgenden Generation. Die Kamera Thomas Plenerts verweilt, wie bei den Landschaftsaufnahmen, mit langen Einstellungen auch bei den Interieurs.

Den Protagonisten ist dabei zuweilen ein Unbehagen anzumerken, was sich auch auf den Zuschauer überträgt. Die Fragestellung Koepps forciert überdies zuweilen Aussagen und mancher Zwischenschnitt bleibt unergründlich. Seine Präsenz und die gelegentliche Aufgabe jeder Distanz sind dagegen als bewußte Gratwanderung denkbar. Selbst 1944 in Stettin geboren, liegt die Vermutung nahe, Volker Koepp arbeitete hier an einem sehr persönlichen Thema.

D 2007, 111 min
Verleih: Salzgeber

Genre: Dokumentation, Schicksal

Stab:
Regie: Volker Koepp
Kamera: Thomas Plenert

Kinostart: 07.06.07

[ Jane Wegewitz ] Für Jane ist das Kino ein Ort der Ideen, ein Haus der Filmkunst, die in „Licht-Schrift“ von solchen schreibt. Früh lehrten sie dies Arbeiten von Georges Méliès, Friedrich W. Murnau, Marcel Duchamp und Man Ray, Henri-Georges Clouzot, Jean-Luc Godard, Sidney Lumet, Andrei A. Tarkowski, Ingmar Bergman, Sergio Leone, Rainer W. Fassbinder, Margarethe v. Trotta, Aki Kaurismäki und Helke Misselwitz. Letzte nachhaltige Kinoerlebnisse verdankt Jane Gus Van Sant, Jim Jarmusch, Jeff Nichols, Ulrich Seidl, James Benning, Béla Tarr, Volker Koepp, Hubert Sauper, Nikolaus Geyrhalter, Thierry Michel, Christian Petzold und Kim Ki-duk.