Originaltitel: SAUL FIA

Ungarn 2015, 107 min
FSK 16
Verleih: Sony

Genre: Drama, Historie

Darsteller: Géza Röhrig, Levente Molnár

Regie: Laszló Nemes

Kinostart: 10.03.16

8 Bewertungen

Son Of Saul

Festkrallen an Menschlichkeit

Man muß warnen vor diesem Film, um ihn gleichzeitig innig zu empfehlen. Aber dennoch: SON OF SAUL bleibt eine Zumutung, auch weil es bisher wohl keinen Spielfilm gab, der derart schonungslos und dadurch kaum aushaltbar von extremster Barbarei erzählte, welcher sich Saul mit dem krampfhaften Festhalten an einem Akt letzter Menschlichkeit entgegenstellen möchte.

Saul trägt ein rotes Kreuz, er gehört im KZ zu einem Sonderkommando, welchem „Aufschub“ gewährt wird, da sie zur aktiven Mitarbeit bei der Vernichtung der KZ-Insassen gezwungen werden: Sie organisieren Transporte, führen Plünderungen der Todgeweihten aus, füllen die Krematorien und verfrachten die Asche. Die Systematik des Massenmords ist – ganz deutsch – eine ausgefeilte, doch selbst die Herrenrasse ist nicht unfehlbar: Ein Junge überlebt die Gaskammer, der hinzugerufene „Arzt“ untersucht den Knaben und erstickt ihn mit eigenen Händen. Saul wird Zeuge davon und macht es sich zur schier unmöglich scheinenden Aufgabe, dem jüdischen Kind nicht nur ein Kaddisch zu sprechen, sondern ein richtiges Begräbnis zu bereiten. Er gibt sich als der Vater des Jungen aus. Ein Hoffnungsschimmer gegen die totale Verrohung, eine Symbolhaftigkeit, nach deren Sinn zu fragen sich schlicht verbietet.

László Nemes entschied sich für eine gewissermaßen indirekte Erzählweise. Er sorgt für Bilder, die beim Zuschauen erst entstehen, auch weil er Out Of Focus, mit Unschärfen und über Schulterblicke, erzählt, weil er an Sauls scheinbar regungslosem Gesicht klebt, dazu einen Ton anreichert, der den ganzen, unfaßbar grauenvollen Zynismus enttarnt: Die Juden werden in die „Duschen“ gescheucht, „ ... immer rein in die gute Stube“, zur Eile aufgefordert, weil ansonsten „ ... die versprochene Suppe kalt wird.“

Es geht dem Film kaum um die Beurteilung der Sonderkommandos. Saul und die anderen waren gewiß nicht so naiv zu glauben, sie würden davonkommen, auch ihre Zukunft konnte nur der Tod sein, Nemes unterstreicht vielmehr, daß Krieg und Barbarei vieles kennen – außer Moral. Und gerade deswegen sind Sauls Kampf und die stilleren Widerstände weniger Häftlinge, die mutig mit versteckten Kameras und heimlichen Schriften den Lageralltag für die ungewisse Zeit danach dokumentieren, ein derart wichtiger, ein für den Glauben an die Menschlichkeit unentbehrlicher, ohne den wir das „Kapazitäten“-Getuschel im hektischen Tötungsgeschäft gar nicht aushalten könnten.

Und weil der Holocaust keinerlei Platz für Illusionen läßt, wird in SON OF SAUL der Zuschauer in aller Konsequenz auch um ein mögliches Schlußbild gebracht.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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