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Sylvia

Poesie und zwei Pfund Schminke

Sie ist die Lady Lazarus, die Wiederauferstandene, die den Tod nicht fürchtet, weil der Tod nur eine Kunst ist, die sie beherrscht. Sie reißt sich Narben am Beton, rezitiert Kühen Liebeslyrik und kann die ganze Welt in ihr Lächeln tauchen, wenn sie verliebt ist. Sylvia Plath, die junge literarisch ambitionierte amerikanische Studentin in Cambridge, ist sehr verliebt in Ted Hughes, den feurigen Poeten. Es ist ihr dreißigster oder einundreißigster Anlauf auf die Liebe, aber diesmal soll es anders sein. Beim Kennenlernen auf einer Party beißt sie Ted erst mal satt in die Wange, bis das Blut spritzt.

England in den frühen 50ern: Das Leben besteht aus Verknappung und dem Willen, den Krieg zu vergessen, innerlich zu überwinden. Roter Wein und Kerzen, mehr braucht’s noch nicht, um ein Bohemian zu sein. Frühes Glück: Ein Frühstückstablett füllt das Bild, später zerkaute Bleistifte und dann Sylvias Neugeborenes, das die Amme auf einer Zeitung abgelegt hat. Ted dichtet und gewinnt Preise. Sylvia verkneift sich die Poesie und verdient das Geld der kleinen Familie als Lehrerin. Ihre Eifersuchtsattacken häufen sich, ihr Lächeln wird schaler, in den Augenwinkeln klebt es jetzt: klein, keckernd und ein bißchen irre. Und dann beginnt Sylvia zu dichten ...

Christine Jeffs Filmbiographie ist ein vorsichtiger, tastender Film ohne letzte Wahrheiten über Kunst und Person des erst postum entdeckten literarischen Phänomens Sylvia Plath, über Talent, Liebe, Wahnsinn, Todesnähe. Anders als in dem ambitionierten Virginia Woolf-Biopic THE HOURS wird das Porträt der Dichterin nicht im Parforce-Ritt durch Zeit und Raum zusammengepuzzelt. SYLVIA ist ein angenehm konventioneller, chronologisch und ruhig erzählter Film mit gedeckten Farben und gedrückter Stimmung. Eine sanfte, ins eigene Schicksal ergebene Elegie, also mit der ganzen Traurigkeit der Sylvia Plath, aber sicher ohne ihre Wut und Angriffslust. Und doch ist dieser Film sehenswert.

Sechs Jahre nach SHAKESPEARE IN LOVE entdeckt Gwyneth Paltrow noch einmal die Poesie. Sie war nie so schön und anmutig wie hier als Sylvia Plath, mit diesen zwei Pfund Schminke auf dem Gesicht kurz vor Ende des Films, als sie mit ihrem Agenten ins Bett will, als Lebensbeweis, als Wiederauferstehungsbeweis. Die Lady Lazarus fürchtet den Tod nicht. Sie hat nur Angst vor dem Leben.

Originaltitel: SYLVIA

GB 2003, 110 min
Verleih: Solo Film

Genre: Biographie, Drama

Darsteller: Gwyneth Paltrow, Daniel Craig, Blythe Danner

Regie: Christine Jeffs

Kinostart: 10.02.05

[ Christian Seichter ]