D/CH/Georgien 2017, 85 min
FSK 0
Verleih: Piffl

Genre: Dokumentation

Regie: Sebastian Winkels

Kinostart: 28.03.19

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Talking Money

Asymmetrische Gesprächsführung

Der vielbeschworene „König Kunde“ ist ein Herrscher ohne Reich. Mindestens, wenn er sich zum Beratungstermin im Finanzinstitut seines Vertrauens einfindet und nach Geld fragt, anstatt welches mitzubringen. Höflich nehmen ihm die Angestellten Krone, Zepter und Herrlichkeit ab. Denn die Bank entscheidet, ob der Kunde ihrer Waren würdig ist, nicht andersherum. Das Erstaunlichste an dieser fundamentalen Beweislastumkehr: Sie wird hingenommen wie ein Naturgesetz. Der Dokumentarfilmer und Kameramann Sebastian Winkels widmet sich in TALKING MONEY der daraus resultierenden asymmetrischen Gesprächsführung um Kredite, Zahlungsaufschübe und Anlagemodelle. Er belauscht und beobachtet Verkaufsverhandlungen, in denen nicht die Qualität des Finanzprodukts, sondern die der Kundschaft auf dem Prüfstand steht.

Wie also guckt, gestikuliert und spricht jemand, der hofft, bei der Bank Schulden machen zu dürfen? Ein Georgier versucht es mit einem gequälten Gesichtsausdruck. Ein Unternehmer aus Pakistan offeriert dem Kreditgeber bei Erfolg ewige Treue. Eine bolivianische Zitronenhändlerin ist zu müde, um ihr bescheidenes Darlehensgesuch strategisch vorzutragen. Etwa 150 solcher Beratungsgespräche wurden aufgezeichnet, ein gutes Dutzend davon wählte Winkels für seinen Film aus. Ob im verschmähten Rest Finanzdelikte zu beobachten wären? Jedenfalls mögen Befürchtungen dieser Art dazu geführt haben, daß viele weltweit angefragte Geldinstitute dem Drehvorhaben eine Absage erteilten, um nicht dem ohnehin beschädigten Ruf der Branche versehentlich das Wort zu reden.

Acht Banken in acht über fast alle Kontinente verstreuten Ländern willigten schließlich ein und fungieren nun als beredte Kulisse für Dialoge über angesparte, zu viel gezahlte oder zu spät zurückgegebene Summen. Klarsichtig-pointierte Fast-Standbilder von Innenarchitektur und Dekorationsdetails übernehmen in Winkels’ Beinahe-Komödie über die komplexen Zusammenhänge zwischen Kredit und Würde wichtige Nebenrollen. In den Hauptrollen: die als Plansequenz gefilmten Gesprächsminiaturen, aufgenommen von einer statischen Kamera, die den entscheidungsbefugten Teil des Machtspiels in Rückenansicht oder ins ewige, gottgleiche Off setzt. Manchmal ragt von dort ein Finanzexpertinnen-Ärmel ins Bild. Einmal wird ihn vielleicht die Zugluft der Klimaanlage bewegen. Dann sähe es aus wie ein Winken.

[ Sylvia Görke ]

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