D 2009, 89 min
FSK 6
Verleih: Real Fiction

Genre: Dokumentation

Regie: Anne Linsel

Kinostart: 13.05.10

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Tanzträume

Teens tanzen den „Kontakthof“

Ein sehr dünnes Mädchen soll einfach geradeaus laufen. Dabei die Spannung halten. Den Blick dem Gegenüber bieten und doch ganz bei sich sein. Dann mit sich selbst vergewissernder Geste durchs Haar fahren. Da hat sie es verloren. Man sieht ihr an, daß dieses Scheitern sie für einen Moment aus der Bahn wirft. Weiter gehen die Proben für Pina Bauschs „Kontakthof“, der zum Generationenprojekt und nach dem Tod der großen Choreographin und Tänzerin zu einem ihrer wichtigsten Hinterlassenschaften geworden ist. 1978 mit dem Tanztheater Wuppertal uraufgeführt, hatte Bausch 2000 Senioren ab 65 gesucht und mit ihnen den Kontakthof neu inszeniert. Nun sind es Jugendliche zwischen 14 und 18, die auf der Bühne stehen.

Anne Linsel begleitete das Experiment mit Kameramann Rainer Hoffmann, und beide standen gleich vor zwei Herausforderungen. Sie setzten sich mit ihrem Vorhaben dem ständigen Vergleich mit Lilo Mangelsdorffs wunderbarem Film aus, der die DAMEN UND HERREN AB 65 beobachtete, und mußten sich außerdem der unglaublichen Schwierigkeit stellen, Jugendlichen bei der Erprobung von Szenen zu folgen, die sich mit Scham, Begehren, Verführung und Ablehnung auseinandersetzen.

Kann das Alter auf Lebenserfahrung zurückgreifen, muß die Jugend vieles, was sie gerade erst beginnt, für sich selbst anzunehmen, hier offen zur Schau tragen. Gleich auf zwei Ebenen in diesem Fall interessant und spürbar. Denn nicht nur die Filmemacher, auch die Probenleiterinnen Jo Ann Endicott und Bénédicte Billiet stellen sich dieser Ausgangslage. Verweilt die Kamera im Raum und bleibt am Ort der gefochtenen Kämpfe – wie tröstet man ohne zu verletzen, wie lacht man ernsthaft und läßt sich dabei gehen, wie zeigt man seine Zähne, wie berührt man sich – spiegelt sich das Stück in seinen Interpreten und umgekehrt.

Die Filmemacher verlassen sich leider zu wenig auf diese Szenen und versuchen zu oft, Gefühle in Gesprächen zu klären, die sie dann auch noch unnötigerweise auf außerhalb des Bühnenraumes verlegen. Der Kontakt zwischen Stück und Interpretation verliert sich dabei. Auch reicht Hoffmanns Kamerasprache nicht an Sophie Maintigneuxs sensibles Abtasten heran, welches immer die genau richtige Nähe zu den DAMEN UND HERREN AB 65 fand und damit nicht nur ihnen, sondern auch Pina Bauschs Arbeitsweise so vollkommen gerecht wurde.

[ Susanne Schulz ]

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