Originaltitel: THE CHRONOLOGY OF WATER

USA/F/Spanien/GB/Lettland 2025, 128 min
Verleih: Eksystent

Genre: Drama, Biographie

Darsteller: Imogen Poots, Thora Birch, Susannah Flood, Jim Belushi, Michael Epp

Regie: Kristen Stewart

Kinostart: 05.03.26

The Chronology Of Water

Vom Freischwimmen

Dieser Film ist Zumutung und Offenbarung zugleich: assoziativ erzählt, unruhig geschnitten, häufig wiederkehrende Motive, diverse Lebensfragmente ständig in Bewegung in Zeit und Raum. Er unternimmt das Wagnis, eine komplexe Biographie auf die Leinwand zu bannen, aber eben nicht eingekästelt in klassische Narrative, die von A nach B nach C kommen. Man kann die Ambition der Schauspielerin Kristen Stewart ermessen, daß sie sich ausgerechnet die Autobiographie „The Chronology Of Water“ von Lidia Yuknavitch als Regiedebüt ausgesucht hat. Das Buch fesselt durch seine radikale Form und schmerzhafte Offenheit. Jahrelang hat Stewart an der Adaption des Werkes gearbeitet und hunderte Drehbuchentwürfe geschrieben. Das Ergebnis ist eine sehr passende Adaption von Yuknavitchs Schreibstil.

Dabei ist der Plot im Grunde sattsam bekannt: Es ist die Geschichte eines Überlebens, einer Selbstheilung durch den Ausdruck der eigenen Stimme in der Literatur. Lidia wächst in den 70er-Jahren in Oregon auf, ihr bürgerliches Elternhaus ist geprägt durch physischen, psychischen und sexuellen Mißbrauch. Vater und Mutter sind zutiefst ambivalente Figuren, einzig die ältere Schwester bietet etwas Halt. Zuflucht findet die talentierte Schwimmerin im Wasser, dieses Element, das alles abwäscht von uns, das bedeckt, das uns trägt und untergehen läßt. Doch der Traum von der Olympiateilnahme zerplatzt am Alkoholmißbrauch. Eine Totgeburt nimmt Lidia zeitweise den letzten Lebensmut. Es folgen Jahre voller Sex-, Drogen-, Beziehungs- und Schreibexperimente, bis so etwas wie Stabilität mittels einer neugegründeten Kleinfamilie ins Leben der jungen Frau tritt.

Doch wie Yuknavitch und Stewart erzählen, ist frisch und aufregend. Zu einem treibenden Soundtrack fließen die verschiedenen Erzählebenen wie Wasserströme ständig ineinander. Im Filmverlauf beruhigen sie sich allmählich, der wilde Strom mündet irgendwann in einen stillen See. Ohne Hauptdarstellerin Imogen Poots würde das nicht funktionieren, sie ist das wild schlagende Herz dieser Erinnerungsperformance: furchtlos, roh und sinnlich. Ihre Lidia ist verletzt und verletzend. Eine Frau, die mitunter wild um sich schlägt, auf der Suche nach dem rettenden Ufer. Wegen ihr bleibt man dran, auch wenn der Film wie seine Hauptfigur mitunter über die Stränge schlägt.

[ Dörthe Gromes ]