Originaltitel: THE SESSIONS

USA 2012, 95 min
FSK 12
Verleih: Fox

Genre: Tragikomödie, Biographie, Erotik

Darsteller: John Hawkes, Helen Hunt, William H. Macy, Moon Bloodgood

Regie: Ben Lewin

Kinostart: 03.01.13

8 Bewertungen

The Sessions

Sex und Kino oder die Erlösung im Diesseits

Das Wort mag hin und wieder mächtiger als das Schwert sein. Am Ende bleibt es Wort, eine sprachliche Abbildung, ein Bedeutungsträger und nicht die Bedeutung selbst. Anders ausgedrückt: Was ist das Wort ohne die Tat, das echte Ding, das Ereignis, das es beschreibt?

Mark O’Briens Leben wird in besonderem Maße von Worten bestimmt. Nicht nur ist der 38jährige Dichter und Journalist von Beruf, gewisse Taten beziehungsweise physische Aktivitäten sind Mark schlichtweg versagt. Mark ist seit seiner Erkrankung an Kinderlähmung vom Hals abwärts bewegungsunfähig und muß die meiste Zeit des Tages in einer Eisernen Lunge verbringen. Aus dieser Maschine heraus und in die Welt kommt Mark per Liege auf Rollen, die jemand für ihn schieben muß. Mark erträgt diesen Zustand der permanenten Abhängigkeit von anderen Menschen mit dem trockenen Humor eines echten Bostoners und der erhabenen, selbstgeißelnden Geduld eines Katholiken. Über Marks Eiserner Lunge hängt eine Ikone der Jungfrau Maria. Einmal mehr ein Verweis: Am Anfang war das Wort. Und auf dieses muß sich Mark auch alleinig verlassen, wenn es um Liebesdinge geht. Wenn sich Mark verliebt, dann mit der Intensität und Hingabe eines echten Liebeslyrikers, und Marks moderne Minnesänge haben es in sich. Am Ende sind sie aber eben doch nur Worte, und so fruchtet auch sein jüngstes poetisches Liebesgeständnis samt Heiratsantrag an seine Assistentin Amanda nicht.

In seinem Liebeskummer erreicht Mark eine Anfrage für einen Artikel über das Thema Behinderung und Sex. Mark zögert, konfrontiert ihn der Auftrag doch einmal mehr mit seinen Unzulänglichkeiten. Denn daß Mark mit seinen 38 noch Jungfrau ist, ergibt sich nicht zwangsläufig aus seiner Behinderung: Mark kann ganzkörperlich Berührungen spüren und ist sexuell „voll funktionsfähig.“ Über seine Recherchen erfährt Mark von der Möglichkeit, durch einen Sexualtherapeuten aus dem Käfig der selbstauferlegten Enthaltsamkeit befreit zu werden, und in ihm reift ein Entschluß: Er will vor seinem Tod noch Sex haben. Außerehelichen, professionell beaufsichtigten Sex mit einer Sexualtherapeutin. Als frommer Katholik muß er dieses Vorhaben natürlich mit seinem Priester besprechen.

Dieser heißt Brendan und wird vom fabelhaften William H. Macy mit der entspannten Attitüde eines Surflehrers versehen. Brendan sieht natürlich die besonderen Umstände in Marks sündigem Vorhaben und gibt seinen Segen. Und so begegnet Mark der Frau, die sein Leben verändern wird, und die Worte und Dinge aus Marks Phantasie endlich Fleisch werden läßt. Doch bis zum tatsächlichen Akt ist es ein beschwerlicher Weg, denn Mark hat in den enthaltsamen Jahren in seinem Beatmungsmaschinengefängnis viel emotionalen Ballast angestaut, durch den Cheryl, seine charmante Sextherapeutin, sich erst durchzuarbeiten hat.

Es ist kein Wunder und zugleich doch ein kleines, daß dieser Film über die heilende Kraft des Sex aus einem der prüdesten Länder dieser Erde kommt. Wo sich der normal aufgeklärte Europäer an den Kopf greift und fragt: „Wo ist das Problem?“, hat der Amerikaner vom ungesund schizophrenen Umgang seines Landes mit dem vermeintlich großen Thema oft einen ganz schönen Knacks weg. So gesehen begeht THE SESSIONS gleich doppelt Tabubruch, packt die hier erzählte „Heilsgeschichte“ doch das unbequeme Thema Sex mit Behinderung gleich mit an und wagt es zudem, das doppelt heiße Eisen in Komödienform zu schmieden.

„On Seeing A Sex Surrogate“ heißt der Artikel, auf dem dieser beflügelnde Film beruht, geschrieben vom echten Mark O’Brien, der bereits 1999 verstarb. Sicher wäre auch er beeindruckt gewesen von der darstellerischen Leistung John Hawkes’, die vielleicht einen Tick zu leise und subtil ist, um im großen OSCAR-Rummel Gehör zu finden. Eine echte Wiederentdeckung ist Helen Hunt, die hier in Worten und Taten Mut zum Entblößen beweist und Cheryl von der Nebenfigur zur erinnerungswürdigen Hauptrolle wachsen läßt.

Dazu versteht es Regisseur Ben Lewin in jeder Einstellung, auf Augenhöhe mit Mark zu bleiben und nie auf ihn herabzusehen. Es lohnt sich in diesem Fall daher unbedingt, den anderen Ort neben dem Bett aufzusuchen, wo einen Erlösung im Diesseits erwartet: das Kino.

[ Paul Salisbury ] Paul mag vor allem Filme, die von einem Genre ausgehen und bei etwas Neuem ankommen. Dabei steht er vor allem auf Gangsterfilme, Western, Satire und Thriller, gern aus der Hand von Billy Wilder, Sam Peckinpah, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, den Coen-Brüdern oder Paul Thomas Anderson. Zu Pauls All-Time-Favs gehören DIE GLORREICHEN SIEBEN, TAXI DRIVER, ASPHALT COWBOY, SUNSET BOULEVARD, POINT BLANK ...

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.