Originaltitel: THE TESTAMENT OF ANN LEE
USA/GB 2025, 136 min
Verleih: Disney
Genre: Biographie, Drama, Musical
Darsteller: Amanda Seyfried, Christopher Abbott, Thomasin McKenzie
Regie: Mona Fastvold
Kinostart: 12.03.26
Endlich frischer Wind im Musical-Kino! Sowohl was die Songs als auch die Tänze anbelangt, hat Mona Fastvold ästhetisch Außergewöhnliches inszeniert. THE TESTAMENT OF ANN LEE ist das neue Projekt, das die Regisseurin mit ihrem Partner Brady Corbet auf die Beine gestellt hat. Beide verantworteten unter anderem schon den OSCAR-prämierten DER BRUTALIST. Was nun folgt, ist erneut eine hochinteressante Geschichtsstunde, gedreht auf analogem Filmmaterial, das den malerischen Historienbildern ihre rauhe Oberfläche verleiht. Dieses Mal geht es aber nicht um die großen, scheiternden Künstlerträume und den zerfallenden American Dream, ihr neues Werk erzählt stattdessen eine Heiligenlegende. Das meint konkret den Mythos einer Frau im Zentrum einer religiösen Bewegung.
Die Musical-erfahrene Amanda Seyfried spielt dabei Ann Lee, eine messianische Gestalt, von der Sonne bekleidet und mit dem Mond unter den Füßen, wie sie in etwa beschrieben wird. Im 18. Jahrhundert gerät sie inmitten ihrer unglücklichen Ehe und des
Todes ihrer Kinder in die Reihen der Quäker. Mit ihren Klängen und religiösen Praktiken gelten diese jedoch als Unruhestifter, also bricht „Mutter Ann” irgendwann mit anderen nach Neuengland auf, um dort ihre eigene Gemeinschaft zu gründen. Fastvold inszeniert damit die Ursprünge der amerikanischen Shaker-Freikirche, und verschiedene Shaker-Hymnen sind ebenso in die eingängige Musik von Daniel Blumberg eingebunden. Die Musical-Nummern arbeiten wiederholt mit rhythmischem Stampfen, Atmen und Schreien. Hände werden erhoben und ruckartig auf den Körper geschlagen. Fastvolds Musical-Kino strebt hier gemeinsam mit seinen Figuren nach dem Ekstatischen und Transzendenten, und das ist teils mit langen Einstellungen und Choreographien oder auch zeitlichen Raffungen in der Montage technisch beeindruckend in Szene gesetzt. Allein die Eröffnungsnummer im Wald ist ein Faszinosum für sich!
Inwiefern der religiöse Stoff nebst seinem Weltbild und seiner rigorosen Sexualmoral tatsächlich zur emanzipatorischen Parabel und Erzählung über deren Widerstände taugt, wie der Film wiederholt suggeriert, läßt sich indes gar nicht so leicht beantworten. Dafür porträtieren Fastvold und Corbet ihre Ann-Lee-Figur zu uneindeutig in ihren Gedanken und Gefühlen. Ein Rest des Ungreifbaren liegt also über diesem Musical. So, wie es sich für eine echte Heilige gehört.
[ Janick Nolting ]