Originaltitel: HISO HISO BOSHI

J 2015, 102 min
FSK 0
Verleih: REM

Genre: Experimentalfilm, Drama, Poesie

Darsteller: Megumi Kagurazaka, Kenji Endo, Yuto Ikeda, Koko Mori

Stab:
Regie: Sion Sono
Drehbuch: Sion Sono

Kinostart: 26.05.16

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The Whispering Star

Nur Geduld!

Sion Sono, mit STRANGE CIRCUS heftig verstörender und in LOVE EXPOSURE unnötige Genregrenzen quasi zu Feinstaub zermahlender Filmwunderwirker, widmet sich nun der Zukunft, ergo einem bei Kinoverarbeitung bekanntermaßen oft eher düster gewebten Stoff. Auch Sonos Vision erstrahlt nun nicht gerade voller optimistischer Helligkeit, trotzdem gelingt ihm wieder der Zaubertrick, etwas ganz Besonderes zu beschwören, obgleich anfangs wenig darauf hindeutet.

Da schippert ein hausförmiges Raumschiff durchs All, welches vom Menschen bloß noch spärlich bewohnt wird, weil jene Spezies nahezu ausstarb. Intelligente Roboter ersetzen uns, darunter Yoko, eine interplanetarische Botin. 82 Pakete wollen derzeit an die letzten Versprengten ausgeliefert werden, jedes braucht ein paar Jahre Transportzeit. So kocht Yoko tagein, tagaus ein Heißgetränk, putzt die überstilisierten Kulissen, nimmt ihr Audio-Tagebuch auf und wartet gemeinsam mit dem Zuschauer drauf, daß was passiert. Irgendwas!

Ein weitgehend unerfüllter Wunsch, straffe Handlungsfäden kappt Sono rigoros – und ruft nach notwendiger Eingewöhnung plötzlich gleichermaßen eigen- wie einzigartige Faszination wach. Die schwarz-weißen Bildersinfonien fangen unerwartet an zu klingen, ständige Wiederholung gerät zu hoher Kunst, legt Yoko doch mal einen Zwischenhalt ein, um ihre Pflicht zu erfüllen, kitzelt Sono visuelle Melancholiemagie aus Zerfall, Leere und Ödnis. Winziger, spontaner Farbtupfer eingeschlossen.

Entschleunigt bis zum erzählerischen Schneckentempo und dennoch seltsam ergreifend macht Sono begreiflich, wie einsam das Leben (?) von Androide Yoko ist, gefangen im längst vergangene Bauten kopierenden Space-shuttle, wo sogar der Bordcomputer zwecks Ablenkung Dinge in seiner Umgebung zählt, selbst wenn es selten mehr als jeweils ein Exemplar gibt. Wer die zweifellos nötige große Geduld aufbringt, den belohnen schwer zu beschreibende Poesie, von rührend über schräg bis zu elegisch pendelnde Begegnungen von Roboter und Mensch sowie gegen Ende ein fulminantes Schattentheater inklusive nachhaltiger Wirkung auf Yoko. Hier kulminiert eine tiefsitzende, omnipräsent schwebende Trauer, starker Abschluß dieses fordernd langsamen, daher sicherlich nicht unbedingt zur mehrfachen Sichtung einladenden, aber das einmalige Genießen unbedingt werten Werks, für das wortwörtlich gilt: schön und gut.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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