D 2006, 96 min
Verleih: Real Fiction

Genre: Dokumentation, Schicksal

Stab:
Regie: Christoph Hübner
Drehbuch: Gabriele Voss

Kinostart: 11.10.07

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Thomas Harlan – Wandersplitter

Ein Mann erzählt sein Leben

Thomas Harlans Lebensgeschichte bietet dem ambitionierten Doku-Filmer einen reichen Fundus: Nicht nur ist er der Sohn des berüchtigten JUD SÜß-Regisseurs Veit Harlan, er ist außerdem erfolgreicher Autor und Filmemacher. Darüber hinaus initiierte er in den 60ern eine der spektakulärsten Jagden auf Naziverbrecher der deutschen Geschichte. Während der Dreharbeiten zu WANDERSPLITTER war Harlan, der viele Jahre in Italien und Frankreich lebte, in einer Lungenklinik in Süddeutschland untergebracht. Das Sanatorium fungiert im Film als kühler Gegenwartshintergrund, von dem aus Harlan den Zuschauer in seine bemerkenswerte Vergangenheit führt.

Anstatt die Schilderungen Harlans reißerisch mit nachgestellten Szenen oder Archivmaterial zu unterschneiden, entschieden sich die Macher Christian Hübner und Gabriele Voss, auf jegliche unnötige Inszenierung ihres Protagonisten zu verzichten. Dieser hat dergleichen auch gar nicht nötig. Das Erzählen beherrscht Harlan beeindruckend gut, in ihm verschmelzen Geschichtenschreiber, Filmemacher und Rhetoriker zu einem souveränen Ganzen. Nur in einigen atmosphärischen Aufnahmen der Alpenlandschaft um die Klinik verläßt Hubner den konsequenten Fokus auf den Storyteller.

Eine "Anti-Biographie" war das Ziel von Hubner und Voss. Diesem Anspruch eines radikalen Bruchs mit den Konventionen eines herkömmlichen Filmporträts kommen die beiden vor allem dann am nächsten, wenn sie Momente der Interview-Vorgespräche und Probeaufnahmen bewußt als Verfremdungselemente einsetzen. Als einziges narrativ konstruierendes Zusatzmittel werden Texttafeln verwendet, die den Beschreibungen Harlans eine grobe zeitliche Einordnung geben. Ansonsten wird Harlan in langen Einstellungen extrem viel Raum zur Entfaltung seiner eigenen Sprache gelassen.

Interessant ist, daß Harlan von Anfang an versucht, sich aus seiner eigenen Lebensgeschichte herauszunehmen, die Verwendung des "ich" zu vermeiden und seine Taten als "Nebenwirkungen von etwas Anderem" abzutun. Paradoxerweise aber und allen Bemühungen des Porträtierten zum Trotz funktioniert dieser Film allein durch dieses "Ich", durch die vereinnahmende Präsenz dieses beieindruckenden Mannes. Das Ergebnis: ein überaus fruchtbarer Widerspruch.

[ Paul Salisbury ] Paul mag vor allem Filme, die von einem Genre ausgehen und bei etwas Neuem ankommen. Dabei steht er vor allem auf Gangsterfilme, Western, Satire und Thriller, gern aus der Hand von Billy Wilder, Sam Peckinpah, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, den Coen-Brüdern oder Paul Thomas Anderson. Zu Pauls All-Time-Favs gehören DIE GLORREICHEN SIEBEN, TAXI DRIVER, ASPHALT COWBOY, SUNSET BOULEVARD, POINT BLANK ...

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