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Treeless Mountain

Zwei Schwestern und die Hoffnungslosigkeit

Zwei Schwestern, noch Kleinkinder, zurückgelassen von ihrer Mutter bei der bösen Tante. So könnte auch ein Grimmsches Märchen beginnen. Doch Regisseurin So Yong Kim verortet ihre Geschichte in der harschen Realität, läßt keine Feen oder andere Zauberwesen zu Hilfe kommen. Die beiden Mädchen Jin (6) und Bin (3) müssen ihren Alltag alleine meistern. Dennoch haftet diesem koreanischen Film, der 2009 schon auf der Berlinale das Publikum bewegte, etwas Märchenhaftes an. Es rührt vom Zusammenhalt der Mädchen, der Menschlichkeit, die von ihrer Beziehung ausgeht und sie wie ein omnipräsenter Schutzengel umgibt. Seine natürliche Emotionalität hebt den Film aus der Menge anderer Sozialdramen mit dem Thema Vernachlässigung von Kindern heraus, überstrahlt die graue Tristesse der Wohnblöcke.

Ein weiterer Kunstgriff der Filmemacher liegt darin, daß bei aller Dramatik der Umstände keine Figur in ihrem Handeln verurteilt wird. Weder die Figur der Mutter, die ihre Kinder zurückläßt, um deren Vater zu suchen, noch die der Tante, die nämlich gar nicht böse ist, wie sie eingangs effekthascherisch vom Rezensenten bezeichnet wurde. Vielmehr ist sie einsame Alkoholikerin, und wer möge ihr verdenken, daß sie die unfreiwillige Rolle der Ersatzmutter nicht gut zu spielen vermag? Als ein Brief der Kindsmutter eine baldige Rückkehr dieser ausschließt, bringt die Tante die Mädchen auf den Bauernhof der Großeltern. Auch hier sind sie nicht willkommen, wie der Großvater seiner Tochter sofort klar macht. Dennoch geschieht es an diesem Ort, wo das Notwendigste zum Leben erst durch harte Arbeit geerntet werden muß, daß ein Hoffnungsschimmer auftaucht, mit dem So Yong Kim die Mädchen wie auch den Zuschauer in eine ungewisse Zukunft entläßt.

Man kann nur erahnen, mit welch sensibler Schauspielführung die Regisseurin die beiden Kinderdarstellerinnen zu solch authentischen Szenen geführt haben mag. Die feinsinnige Beobachtung der Kinder, wie sie an der Bushaltestelle vergeblich auf die Rückkehr ihrer Mutter warten, faßt die Leistung dieses kleinen, so realistischen und doch so magisch nachwirkenden Films zusammen. Alles spiegelt sich in dem Moment, bevor sich die Türen des Busses öffnen und die traurige Wahrheit offenbaren. Wir warten mit, bangen, hoffen.

Kino wie das Leben: Brutal und doch zärtlich, trostlos und doch tröstlich in dem Umstand, daß die Hoffnung als Letztes stirbt.

Originaltitel: TREELESS MOUNTAIN

USA/Südkorea 2008, 89 min
Verleih: Arsenal Institut

Genre: Drama, Poesie

Regie: So Yong Kim, D: Kim Hee-Yeon, Kim Song-Hee

Kinostart: 29.03.12

[ Paul Salisbury ] Paul mag vor allem Filme, die von einem Genre ausgehen und bei etwas Neuem ankommen. Dabei steht er vor allem auf Gangsterfilme, Western, Satire und Thriller, gern aus der Hand von Billy Wilder, Sam Peckinpah, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, den Coen-Brüdern oder Paul Thomas Anderson. Zu Pauls All-Time-Favs gehören DIE GLORREICHEN SIEBEN, TAXI DRIVER, ASPHALT COWBOY, SUNSET BOULEVARD, POINT BLANK ...