D 2016, 77 min
FSK 0
Verleih: Eksystent

Genre: Dokumentation

Regie: Susanne Kim

Kinostart: 04.05.17

2 Bewertungen

Trockenschwimmen

Träume des Alters

Schwimmen zu können, scheint so selbstverständlich zu sein wie Lesen oder Fahrradfahren. Aber die Zahl der Nichtschwimmer dürfte höher sein, als man gemeinhin annimmt. In Susanne Kims Dokumentarfilm TROCKENSCHWIMMEN macht sich eine Gruppe von Senioren unter Leitung des charismatischen Schwimmlehrers Hans-Jörg daran, endlich das nasse Element zu erobern. In einer Schwimmhalle im Leipziger Osten treffen sie während eines zehntägigen Schwimmkurses aufeinander. 

Karin, Monika, Manfred und Sigrid haben jeder ganz unterschiedliche Lebensläufe vorzuweisen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie alle dem Leben noch immer mit Neugier und Offenheit begegnen. In einem Alter, in dem viele ihrer Altersgenossen längst über ihre gescheiterten Träume bitter geworden sind, stellen sich die Schwimmschüler ihren Ängsten und versuchen, sie zu überwinden. „Schwimmen lernen ist Leben lernen“, meint eine der Frauen. Und damit wird der Mensch glücklicherweise nie fertig.

Und so geht es im Film vor allem um die Lebensgeschichten der Protagonisten, die aus Ost- und Westdeutschland stammen. Zum Beispiel erzählt Manfred, daß sein Vater während eines Fronturlaubes seiner Schwester an einem Tag das Schwimmen beigebracht hätte. Manfred sollte das nächste Mal drankommen, doch dazu kam es nie, weil der Vater im Krieg blieb. Die Frauen hingegen reflektieren darüber, was sie an Eigenständigkeit für Mann und Kinder aufgeben mußten, wie sie sich aus der familiären Enge befreit haben, und welche beruflichen Vorstellungen sie verwirklichen konnten oder eben auch nicht. 

Auf den klassischen dokumentarischen Ansatz allein verläßt sich die Leipziger Filmemacherin jedoch nicht. Ergänzend hat die Choreographin Heike Henning zusammen mit den Schwimmschülern tänzerische Improvisationen entwickelt. Sie erzählen etwas über die Gefühlsebene der Protagonisten, was sich kaum in Worte fassen läßt. Diese Momente bringen eine traumwandlerische Leichtigkeit in den Film. Von Kamerafrau Emma Rosa Simon werden sie in sehr poetischen Bildern eingefangen. Ihr Blick auf die in die Jahre gekommenen Körper der Senioren ist geradezu liebevoll. Und wohl noch nie wurde eine Schwimmhalle mit abblätterndem DDR-Charme so elegant in Szene gesetzt. 

Ob die Protagonisten am Ende schwimmen können, ist eher Nebensache. Hingegen zählt die Erkenntnis, daß „... die Träume der Jugend nicht fürs ganze Leben reichen, man braucht auch einen Traum fürs Alter.“

[ Dörthe Gromes ]

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