Originaltitel: OM DET OÄNDLIGA

S/D/Norwegen 2019, 77 min
FSK 12
Verleih: Neue Visionen

Genre: Tragikomödie, Poesie, Schräg

Darsteller: Jan-Eje Ferling, Martin Serner, Bengt Bergius, Thore Flygel

Regie: Roy Andersson

1 Bewertung

Über die Unendlichkeit

Auf der Suche nach den verlorenen Energien oder: Thermodynamik für Fatalisten

Als Roy Andersson 2014 mit EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH in Venedig den Goldenen Löwen gewann, gab es Gelegenheit, sich mit dem speziellen Humor des schwedischen Autorenfilmers vertraut zu machen. Man feierte damals den Abschluß einer Trilogie, zu der sich logisch, aber eigentlich ohne größere Absicht Anderssons Vorgängerwerke SONGS FROM THE SECOND FLOOR, DAS JÜNGSTE GEWITTER und nun der Tauben-Film zusammengerauft hatten.

Zu jener Zeit liefen die Vorbereitungen für ÜBER DIE UNENDLICHKEIT bereits, und der Regisseur kündigte den Film-im-Werden in Interviews gut gelaunt als Teil Vier an. Klingt komisch, ist aber so und hat – die Mathematiker mögen schweigen! – sogar seine Richtigkeit. Denn wie Andersson über den Menschen, genauer: das Menschliche, reflektiert, darf als gedanken- und bildgebender Vorgang verstanden werden, der immer und ewig läuft und eben nur alle paar Jahre Kinogestalt annimmt. So muß man sich nicht wundern, daß in diesem Teil Vier Typen, Urformen des Menschlichen auftreten, die das Andersson-Universum gut und gerne seit jeher bevölkert haben könnten. Der um Luft ringende Mann mit Einkaufstüte, der sich eine Treppe in der Studioarchitektur heraufquält, sich direkt ans Publikum wendet und von seinem Schulkameraden Sverker Olsson berichtet, der hier jüngst an ihm vorbeischnaufte und noch nicht einmal den Gruß des alten Bekannten erwiderte. Die Einkaufstüte reißt.

Ein Priester, der den Glauben verlor und seine Alpträume von einem Martyriumsmarsch mit Holzkreuz auf dem Buckel vom Psychiater austreiben lassen will. Der Psychiater muß zum Bus. Ein Elternpaar, das dem Sohn einen Blumenstrauß auf den Friedhof bringt. Sie kämpfen mit der floristischen Verpackung. Ein Vater im Blut der von ihm erstochenen Tochter. Die herbeigeeilte Verwandtschaft ist fassungslos. Ein Junge und ein Mädchen in einem Jugendzimmer. Er hält einen Monolog über den ersten Satz der Thermodynamik und die Energie, die nie vergeht. Kein Fummeln. Die geschlagene Nazi-Elite vertrödelt ihre Zeit im Bunker. Und dann kommt Hitler …

Sieg Heil? Nein, den Arm kriegt in Anderssons Filmen keiner richtig hoch. Seine Figuren sind so lächerlich müde, so impotent, so unfähig, aus dem Sitzen und Liegen ins Aufrechte zu gelangen, daß einem das Lachen vergehen möchte. Aber eben nur fast. Denn seine menschlichen Komödien wagen immer metaphysischen Slapstick, Beckett für alle, Apokalypsen auf prekären Absätzen, kunstgeschichtlich gebildete Schnappschüsse von Vergeblichkeit und Kleinlichkeit, die aus dem Trivialen visuelle Poesie machen.

Eine Filmpoetik der Gleichwertigkeit, der zerrissenen Tüten, der herauskullernden Kartoffeln und der privaten wie historischen Katastrophen. Und seine Vignetten, diese Mikroerzählungen in absurd aufwendigen Studiokulissen unter künstlichem Licht, das den clownesk herbeigeschminkten Mehltau auf Gesichtern und Mobiliar wie Krematoriumsstaub aussehen läßt, pflegen ein herrlich unanständiges Bratkartoffelverhältnis zur Wirklichkeit: mein Scheitern, Dein Scheitern, nur schöner! All dies wird von einer Off-Erzählerin vorgetragen, die sich Andersson aus dem Märchenkosmos von „Tausendundeine Nacht“ borgte. Und wir dürfen nie vergessen, daß Scheherazade eine Frau war, die um ihr Leben erzählte.

[ Sylvia Görke ]

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