Originaltitel: WENDY AND LUCY

USA 2008, 80 min
Verleih: Peripher

Genre: Drama

Darsteller: Michelle Williams, Walter Dalton, Will Oldham

Regie: Kelly Reichardt

Kinostart: 17.12.09

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Wendy & Lucy

Die Regeln des Spiels

Sie dringen von überall zu uns vor, die Debatten über gefühlte oder tatsächliche Krisen und den Wert des Menschen im Kontext seiner Arbeit. Sie führen unweigerlich zum Einkommen, dem Geld, mit seiner Ausschlußfunktion – hast du es, kannst du es je nach Laune ausgeben oder sparen, hast du es nicht, mußt du Wege finden, wie du trotzdem weiterkommst.

Wendy Carroll hat nur noch 525 Dollar und einen weiten Weg vor sich. Sie will mit ihrem Hund Lucy nach Ketchikan in Alaska, um dort mit einem Sommerjob in der Fischerei Geld zu verdienen. Dann bleibt ihr Auto auf einem bewachten Parkplatz in Oregon liegen. Von dieser sehr übersichtlichen Situation ausgehend, inszeniert Kelly Reichardt die Essenz dessen, was passiert, wenn du absteigst. Dabei ist es nicht der tatsächliche soziale Abstieg, der hier interessiert. Wendy wird von der Filmemacherin nicht erkennbar einer „Schicht“ zugeordnet, sie ist einfach eine junge Frau, die Geld braucht. Sie könnte ihr Studium abgebrochen haben oder eine Lehre als Tischlerin. Sie könnte gerade von ihrem Freund verlassen worden sein, oder einfach jemand, der nicht so viele Leute um sich braucht. Alles ist denkbar.

Was diesen Film so großartig macht, ist, daß er die Essenz eines Gefühls vermittelt, welches langsam mit jeder gesehenen Minute in den Magen kriecht – die Angst zu verlieren, angreifbar zu werden. Daß eine falsche Entscheidung, ein Schicksalsschlag dein Leben aus der Bahn werfen kann, und daß die Konsequenzen nur dich ganz persönlich treffen werden. Denn verglichen mit dem Elend der Welt, ist es keine Tragödie, wenn dein Hund wegläuft, du wegen Schwarzfahrens und keinen Ausweis dabei die Bekanntschaft mit der Polizei machst und aus Geldmangel deine abendlichen Verabredungen einschränkst. Nur werden diese vielen kleinen, nur von dir erspürten Niederlagen dazu führen, daß du dünnhäutiger wirst. Ein Zeitgeistphänomen. Wendy gerät in diese Spirale, in der eines zum anderen führt.

Doch Reichardt läßt offen, ob sie daran wachsen oder scheitern wird. Nüchtern, ohne falsche Hoffnungsmusik und trotzdem mit Empathie gefilmt, macht Reichardt ehrliche Lust auf Gespräche. Ganz spontan: Was macht Mangel? Kann Reichardt von ihren Filmen leben? Ist es die reduzierte, fast dokumentarische Filmsprache, die die ökonomische Situation der Protagonistin am besten „trifft“? Wo sind wir zu Hause?

[ Susanne Schulz ]

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