D 2017, 94 min
FSK 12
Verleih: Neue Visionen

Genre: Dokumentation, Musik, Polit

Regie: Charly Hübner, Sebastian Schultz

Kinostart: 12.04.18

1 Bewertung

Wildes Herz

Wut, Musik und Humor – Überleben in Meckpomm

Auf der Bühne eine Naturgewalt, im Leben dazwischen eher ein impulsives Riesenbaby – so könnte man den 140-Kilo-Mann Jan Gorkow alias Monchi, Sänger der legendären Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, beschreiben. In Charly Hübners Dokumentarfilm spielt Gorkow die Hauptrolle, und es wird schnell klar, daß es diese Mischung aus Rock’n’Roll und selbstzentrierter Naivität braucht, um in Mecklenburg-Vorpommern eine linke Punkband zu führen.

Hübner fängt ganz am Anfang an, zeigt Gorkows erste Auftritte bei Omas Geburtstag und der schwesterlichen Hochzeit. Das musikalische Können stand dabei offensichtlich nie im Vordergrund. Eher die angeborenen Entertainerqualitäten und das Potential zur Rampensau. Die Eltern berichten dann auch von den Sorgen, die ihnen die ungebremste Energie ihres Sprößlings bescherte, als dieser in die Ultraszene von Hansa einstieg. Doch irgendwann konnte Monchi brennenden Mülltonnen als Selbstzweck nichts mehr abgewinnen. Sinn sollte her. Der ergab sich zwangsläufig aus der Gründung von „Feine Sahne Fischfilet“ in Kombination mit der Tatsache, daß die Band nun mal ihre Wurzeln in Mecklenburg-Vorpommern hat. Lieder über „Ficken und Saufen“ zogen auch Nazis an, doch Monchi und seine Leute bezogen klare Position gegen Rechts – in ihren Texten und Aktionen. Mit allen Konsequenzen: Anschläge auf den Proberaum, unverhohlene Haßbotschaften, Gerichtsverfahren und schließlich auch Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Denn die Band rief zu Blockaden auf, goß ihren Unmut über die Polizei in Texte. Doch macht einen das schon zum Verfassungsfeind? 

Hübner stellt diese Frage und zeigt dann Monchi, wie er einen fetten Präsentkorb an Lorenz Caffier, den damaligen Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, überreicht. Als Dankeschön für die kostenlose Werbung. Zum Überleben in „Meckpomm“ braucht es, wie man lernt, außerdem viel Humor. Und immer wieder Musik. Von dieser Kombination lebt Hübners warmherziges Dokfilmdebüt. Legendär das Konzert in Anklam, von den Nazis als „national befreite Zone“ propagiert, bei dem auch Materia und Campino auftraten. Monchi hatte eine „Noch nicht komplett im Arsch“-Kampagne im Vorfeld der Landtagswahlen 2016 aufgezogen. Er steht auf der Bühne, reckt dem Publikum aus voller Kehle brüllend seinen dicken, schweißtriefenden Bauch entgegen und ist zu Hause. Gänsehautmoment und Heimat in ihrem besten Sinne.

[ Susanne Kim ] Susanne mag Filme, in denen nicht viel passiert, man aber trotzdem durch Beobachten alles erfahren kann. Zum Beispiel GREY GARDENS von den Maysles-Brüdern: Mutter Edith und Tochter Edie leben in einem zugewucherten Haus auf Long Island, dazu unzählige Katzen und ein jugendlicher Hausfreund. Edies exzentrische Performances werden Susanne als Bild immer im Kopf bleiben ...

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.