D 2006, 96 min
Verleih: X Verleih

Genre: Drama

Darsteller: Josef Bierbichler, Hanna Schygulla, Sibel Kekilli, Anna Schudt, André Hennicke

Regie: Hans Steinbichler

Kinostart: 23.11.06

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Winterreise

Der Sepp, die Neger und die Kruzitürken

"Luft, Luft, einen bayrischen Freistaat für ein bißchen Luft", so mag der Wahlspruch des Weißwurstrebellen Brenninger in freier Anlehnung an Shakespeare lauten. Nach der Pleite ist ihm nichts mehr heilig. Zwischen Baumarktdiscount, Eigenheim, erwachsenen Kindern, erblindender Gattin und tauben Kredit-Gebern hat der Einzelwarenhändler den Halt verloren. Keiner, der für einen Handschlag Geld gibt, und sei er noch so lange mit Sohnemann auf der Schulbank gesessen. Luft kommt nur noch über die Musik, wenn er sie richtig laut aufdreht. Luft kommt über das offene Fenster, in dem er sich nackig der Welt aussetzt.

Für unscheinbare Sichtfensterbriefe, wie sie Banken oder andere Institutionen verschicken, hat dieser Hans Brenninger eine Bezeichnung erfunden, die ab sofort amtlich ist: "Arschlochpost". Und diese verdrehte, antiglobale und wahnsinnige Poesie in Wort und Bild sollte ab heute Arschloch-Kino heißen. Meinethalben auch "deutsches Kunstkino von gesellschaftlicher Relevanz." Punkt. Zwei Bichlers, der eine auf dem Regiestuhl, der andere in der Hauptrolle, generieren einen bayrischen Heimatfilm von globalen Ausmaßen - deftig im Ausdruck und fragil in den Gedanken. Beides hat Platz in der geräumigen Gestalt des Schauspieler-Urviehs Josef Bierbichler. Beides hat Raum zwischen Bayern und Afrika, wo eine Betrügermafia den Bayern um seine letzte Chance bescheißt. Aber nicht mit ihm! Da fährt er hin, und koste es seine türkischstämmige Gehilfin, die mit gelbem Mäntelchen wie ein verzauberter Kanarienvogel herangeflattert kam, was es wolle. Kruzitürken noch mal!

Politisch korrekt ist diese idiomgefärbte, selbstmordgefährdete Unternehmer-Tragödie in keiner Silbe. Sie ist große, bisweilen großmäulige Filmmelancholie aus Schimpfwörtern, Scheinwerfer-erleuchteten Schneelandschaften und den titelgebenden Einsamkeitsgesängen des Komponisten Franz Schubert, die im Rutschen immer noch einen Strick zu fassen kriegt. Und sei es der von der Decke!

"Wunderlicher Alter, soll ich mit Dir geh’n?", fragt Schubert. "Gerne", muß man antworten, wenn einem diese Kamera, die neben all den elegischen Umgebungsbildern auch immer das Streitgespräch mit dem nervösen Hauptdarsteller sucht, nicht zu viel wird.

[ Sylvia Görke ]

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