Österreich 2018, 92 min
FSK 0
Verleih: Neue Visionen

Genre: Komödie

Darsteller: Caroline Peters, Simon Schwarz, Hilde Dalik, Pia Hierzegger, Alev Irmak

Regie: Eva Spreitzhofer

Kinostart: 24.01.19

8 Bewertungen

Womit haben wir das verdient?

Gelächter unterm Kopftuch

Das mußte einfach raus: Mit donnerhallender Stimme und Walkürenritt im Blick verbietet Wanda den fortgesetzten Salatverzehr auf ihrer Geburtstagsparty. Man kann’s verstehen, es sitzt die gebündelte Nervenzerrung am Tisch: Ex-Mann Harald schleppt seine aktuelle, „die Tussi vom Papa“ benannte Flamme an, welche toll getimet über die bestehende Schwangerschaft informieren will. Wandas junger Lebensgefährte generiert aus Smileys komplette Nachrichten, ein zur Gratulation genötigtes Kind mag eigentlich bloß Torte abfassen. Wandas erste Tochter heult wegen des entgangenen Lieblingsdesserts rum, eine weitere präsentiert den neuen Freund – höchst seltsam, jedoch ein wahrer Hengst, paßt. Und die dritte, Nina, nennt sich plötzlich Fatima, ist zum Islam konvertiert. Online. Wenige Klicks.

Wanda und Harald reagieren einigermaßen entsetzt, man hält Religion allgemein für „ideologischen Scheiß“, und was Nina … pardon … Fatima für „Fetzen“ trägt, graust gewaltig, Frau Mutter fühlt ihren emanzipatorischen Erziehungsansatz gefährdet. Was also tun, wo – klar – sämtliche elterliche Argumentation an der Pubertierenden abprallt? Tja: Zähne aufeinander und die Phase (?) akzeptieren. Wandas Leid beginnt …

Der Kniff darin: Spielfilmregiedebütantin Eva Spreitzhofer wird mit diesem launigen Familiencrash wohl kaum die Welt verändern oder Stammtisch-Schreihälsen das Maul stopfen, legt es aber eben auch nicht wirklich drauf an. Spreitzhofer missioniert nie, sie tritt zwar hier mal politischer Korrektheit – leicht – in den prallen Hintern, berührt dort – sanft – Brennpunkte, hinterfragt das muslimische Frauenbild, den Umgang mit Homosexualität, stellt deutschen Alltags-Chauvinismus daneben.

Hauptsächlich ziseliert die gebürtige Grazerin indes feinhumorige Spitzen ins Aufreger-Thema, trifft Komikzentren beiläufig und oft überraschend hintenrum, ohne museal betreuendes Erzählen. Verstärkt eine ehemalige Bombenbauerin jetzt den Entschärfungsdienst, checkt dabei vermutlich mittels App, ob der Kantinenfraß halāl ist, und unternimmt sicher keinen FKK-Urlaub in Kroatien, karikiert Spreitzhofer indirekt unsere ganze von Fußangeln wimmelnde Zeit – Verzichtbares wie optische Qualwahl zwischen Gendergap oder -sternchen, seufzende Sehnsucht nach dem Konservativen und Parteigesocks, das sich zur vorgeblichen Alternative ausruft.

Gleichzeitig denkt Spreitzhofer intimer, verlegt sorgfältige Stolperfallen in der gern als ach so heil propagierten Familienschablone, bringt die sonnenscheinheimmäßig schillernde Blase kühl grinsend zum lautstarken Platzen: eine Küche, ein Morgen, ein Frühstück, drei Menschen – und beim Reinschaufeln der Fressalien drei starrnackig betippte Handies. Quasi ein ungesunder Zuckerberg aufs Müsli.

Zeit, den Scheinwerfer auf Caroline Peters zu richten, die bereits in DER VORNAME alle Mini-Rollen und und schon eklig benannten TV-Übelkeiten à la „Seitensprung mit Freunden“ oder „Süßer September“ ausblendete, die Kino-Bühne betrat und zu ihrer eigenen machte. Nur Peters konnte sich Wanda regelrecht einverleiben und zur Wechselbaderin der Gefühle modellieren; wenn ihr ein gereizter Schulterschwung genügt, um zur tröstlichen Beruhigung aufgelegte Hände abzuschütteln – große komödiantische Kunst! Außerdem unterstützender Beitrag, daß final eine überfällige Erkenntnis den Problemnagel auf dessen böse aufgeblähten Dickkopf trifft: Menschliche Idiotie hat weiß Gott nix mit Allah zu tun …

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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