Originaltitel: SHEKARCHI

Iran/D 2010, 88 min
Verleih: Neue Visionen

Genre: Drama, Polit, Thriller

Darsteller: Rafi Pitts, Mitra Hajjar, Ali Nicksaulat, Hassan Ghalenoi

Stab:
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts

Kinostart: 20.05.10

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Zeit des Zorns

Wem gehört die Rache?

So hoch gelobt die iranische Filmkunst auch sein mag, sie wird uns selten zugemutet. Nicht, daß der westliche Filmliebhaber sie etwa mit ungeheurem Eifer suchte. Aber er sollte unbedingt darauf bestehen, sich diesen poetischen Mutproben immer wieder stellen zu dürfen, quasi als Training für die cineastischen Muskeln, die sonst so wenig gefordert sind. Daß der Exil-Iraner Rafi Pitts eine Art Western über das Land im Nahen Osten gedreht hat, ist die Räuberleiter zu seiner hochaufgehängten, symbolgewaltigen, eisklaren Bildersprache. Zu den versteckten politischen und ästhetischen Bezügen, in die verborgenen Winkel einer besonderen Erzähltradition muß man dann allerdings alleine klettern.

Die Hauptfigur, in der sich Ohnmacht und Willkür eines ganzen komplexen Staatsgebildes materialisieren, heißt Ali. Frisch aus dem Gefängnis entlassen, arbeitet er als Nachtwächter und ergreift jede Gelegenheit, seine Familie zu sehen. Als er eines Tages vergeblich auf sie wartet, erfährt er schließlich, daß seine Frau bei einer Demonstration von Polizisten erschossen wurde. Zwei Tage später erhält er im Teheraner Leichenschauhaus auch Gewißheit über das Schicksal seiner 6jährigen Tochter. Ali nimmt sein Gewehr, steigt auf eine Anhöhe und zielt auf die ersten Polizisten, die ihm ins Visier kommen. Die Flucht führt in die Wälder, wo ihn zwei Uniformierte aufspüren – eine bis an die Zähne bewaffnete Drei-Mann-Gesellschaft mit auseinanderstrebenden Interessen, verschluckt von der Natur. Aber wen wird sie wieder ausspucken? Und werden wir mit ihrer Wahl zufrieden sein?

Pitts hat seine Heimat eingedampft auf scharfe Kontraste zwischen tosendem Verkehr und bleischwerer Stille, zwischen persönlicher Tragödie und einem andauernden gesellschaftspolitischen Drama in wechselnden Gemütslagen. Den vagen, nie ganz greifbaren Hintergrund bilden die Ereignisse von Ende 2009, als sich die Tür zum Iran nach einer zweifelhaften Präsidentschaftswahl für einen winzigen Moment auftat. Wer schnell genug am Fernseher oder im Internet war, konnte einen kurzen Blick auf Demonstranten erhaschen, die nicht klaglos hinnehmen wollten, daß sie die Schlüsselgewalt über ihr Land schon wieder verloren hatten.

Nun ist die Tür wieder zu. Zurück also zum Informationsaustausch über das Mauseloch der Kunst. Für belastbare Fakten ist es hier vielleicht zu eng. Aber eine leise Ahnung, ein scharfkantiges Gleichnis paßt durch.

[ Sylvia Görke ]

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